NICHT DER ERSTE DEZEMBER

Ich frage mich,
wie die Natur das immer macht,
wie die Zeit das jedes Jahr schafft,
ohne Unterlass:
schneller als ich mich verändern kann,
früher als wahrgenommen und erwartet,
der Dezember ist wieder da.

Das waren keine Monate,
die ihm vorausgegangen sind…
waren keine Jahreszeiten.
Das war mein Leben,
das gelebte und das nicht gelebte,
das tief und das oberflächlich erlebte,
und es kommt nie wieder zurück.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALLES MUSS ERFÜLLT WERDEN

Tausend Geschichten –
deshalb meine so viele Schichten

Hundert Projekte,
in die ich mich täglich projiziere

Zehn Vereine,
die sich alle in mir vereinen

24 Stunden
drehen viel zu schnell täglich ihre Runden

Und Familie… und Träume
brauchen alle ihre Zeit und ihre Räume.

Alles muß erfüllt werden
in diesem Leben, auf dieser Erde.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNERFÜLLT

Eine Kerze, die bleibt,
verschwindet
Eine Kerze, die verschwindet,
bleibt

Ein Wort, das behalten wird,
verschwindet
Ein Wort, das gegeben wird,
bleibt und bindet

Jeder Traum und jeder Wunsch,
der am Ende des Lebens
unversucht geblieben ist,
bindet.

Die Friedhöfe sind voll
Häuser und Märkte sind voll
Unsere Erinnerungen sind voll
von erdgebundenen Geistern.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TEURE ZEIT

Da ist viel mehr Zeit innerhalb eines Tages,
als wir vermuten.
Zeit genug, um mehr zu erfüllen, als wir oft versuchen.
Zeit genug, um alle zu lieben, die wir lieben wollen.
Doch nicht Zeit genug, falsch zu gehen und wieder zurück zu kehren.
Dafür musst Du nach einmal leben.
Drum: widme Dich heute allem,
was Dir lieb und teuer ist.
Zeit für mehr hast Du nicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEBEN OHNE LEBEN

Steige in mich ein
oh Leben, denn
der Tod hat mich allein
gelassen.

Wie soll ich die Jahre
der Leere füllen
bis ich endlich hinüberfahre
ins Jenseits des Todes?

Tausendjahrelange Tage
sind ohne tausend Empfindungen
pro Sekunde nicht in der Lage
erfüllt zu werden.

Drum. Steige in mich ein
oh Leben, denn
der Tod hat mich allein
und arbeitslos gelassen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

OKULAR

Ich liege geschliffen im Abendbett
Wie auf dem Objekttisch in einem
Lichtmikroskop ausgestreckt
Mit meinem Objektiv im Reinen

Die Lichtquelle kommt von irgendwo
Aus dem Untergrund tiefster Vergangenheit
Grob gerieben gerate ich ins „Wieso?“
Fein getrieben weiß ich bereits Bescheid:

Als Entwurf entstanden, die Leuchtkraft
Seiner Empfindung wirft einen jeden
Aus sich selbst heraus, gestrafft
Und gelenkt und geholfen vom Leben

Ins Leben. Ins Auge des Sturms
Um vergrößernd auszupacken
Dem Mitmenschen, dem Universum
Den Zauber seiner inneren Siebensachen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

IMMER ERFÜLLEN

Lauf leer
Gib alles und mehr
Leerlauf
Nimm alles in Kauf

Feuer ist eine Wärme
Abgebende Reaktion zwischen
Einem brennbaren Stoff
Und Sauerstoff

Dichtung ist eine Wärme
Abgebende Reaktion zwischen
Einem brennenden Herz
Und sehnendem Schmerz

Und je oberflächlicher
Meiner Umgebung
Desto erfüllender
Meiner Dichtung.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung