VIERUNDZWANZIG STUNDEN

Was würde ich nicht geben, um
eine fünfundzwanzigste zu bekommen

Noch eine Stunde mit meinen Kindern
und mit meiner Frau mir gönnen

Alles, was mir die restlichen vierundzwanzig haben genommen –

Es sei: Wir holen uns jetzt DIESEN Moment
und nehmen daraus, was wir können.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LIEBE ALS PFLICHT

Familie
Grabstein
Sie alle warten darauf, ihren Namen
einen nach dem anderen in den Stein
einzumeißeln –
Damit sie endlich zusammen sind.
Aber nur im Namen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS WESENTLICHE

Papa, Du bist
fast nie Zuhause –
sagte mir heute Morgen mein Sohn.

Aber ich hörte:
Papa, Du bist nie da.

Und ich dachte an die Demos,
dachte an die Arbeit und an die Treffen,
an die Zukunft, die ich ihm bereiten wollte…

Und ich fragte mich:
War es das alles Wert?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER HIMMEL HÖRT NICHT AUF

Er saß neben mir im Auto
Ich fuhr
Ich nahm heute einen neuen, längeren, Weg
Durch den Wald…

Ist das mein Wald, rätselte er laut und nachdenklich?
Ich schmunzelte
Dann verschwand ohne Warnung der Wald
Und er schaute nach oben mit aufleuchtenden Augen

Es war ein wunderbarer hellblauer Morgen ohne Wolken
Er staunte
Dann sagte er voller Bewunderung:
Der Himmel hört nicht auf.

Gel, Papa? Der Himmel hört niemals auf.

Ich brachte ihn zum Kindergarten
Und beschloß
Ihm diese seine Worte in einem Gedicht zu verewigen
Für die Zeit, wenn er längst kein Kind mehr ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ABENDBROT

Der Hügel traf die Sonne fallend
Überrollte die Sonne auf seinem Rücken
Lachte schallend
Mein Herz zweimal nachhallend
Konnte sein Lachen nicht unterdrücken.

Und dieses Lachen hallte weiter
In unserem Abendessen im Familienkreise
leicht und heiter
Wurde spöter zur Himmelsleiter
Bei unserem Abendgebet, leicht und leise.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

AUF SEINEM RÜCKEN

Mir fehlt Schwimmbad
Blau. Der Geruch vom Chlorwasser.
Mir fehlt Kindheit. Kindlichkeit.

Mein Vater schwamm seine Bahnen,
Brust, trug auf seinem Rücken
mal mich, mal meinen Bruder, mal
meine Schwester, obwohl sie Angst hatte.

Mir fehlt das laute Geschrei, das
Lachen und das kindliche Bitten:
Bitte, Daddy, noch einmal.

Ich bin froh, daß er lebte
daß er mich auf die Welt brachte
daß er schwimmen konnte
und daß er mich auf seinem Rücken trug.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MEINE SONNEN

Gute Nacht Papa
rief mit heller Stimme
eine meiner zwei Sonnen
Bauch voller Lachen
Lachen voller Hoffnung
Hoffnung voller Morgen

Morgen voller Sonnen
Ich freue mich schon auf die zweite
sie guckt noch fern
und ist mir so nah
Freude voller Übermorgen
meine Sonnen, sie gehen nie unter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EINGESPERRT

Unterdessen werden älter die Kinder
und Eltern zu Kindern
und die Eltern sind den Kindern die Lehrer
und die Kinder sind den Eltern auch Lehrer
und alle werden täglich
um Jahre und Jahrzehnte
über Nacht älter. Tag für Tag.

Und es wurde morgen
und es wurde Abend –
noch ein weiterer Tag.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

KLEINE ERWACHSENEN

Die Kinder machen gut mit
als können sie besser lesen
die Seele der Schöpfung und
die Herzen der Erwachsenen
als wir die ihren…

Sie schenken uns Lächeln
wenn wir nachdenklich werden
heitern uns mit ihrem Blödsinn auf
und suchen uns ab und zu auf, einfach
nur um uns kurz in die Augen zu schauen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SIE ERTRINKT UND KÄMPFT

Sie war auf der Suche
nach der großen Liebe
Am Ende sitzt sie in mitten
einer großen Familie … alleinerziehend

Vier Kinder sitzen
wie die tiefen Narben ihrer Sehnsucht
auf ihrem Gewissen Tag und Nacht
Eine nimmer endende To-do-Liste…
sich zäh in die Länge ziehend.

Und immer noch schwankt sie täglich
zwischen
Ich habe mein Leben verschwendet
und
Er wird zu mir zurück kehren.
Die Hoffnung, ach, ewig anziehend.

Che Chidi Chukwumerije (05.02.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung