EINE LANGE LEBENSREISE

Sie mit Krücken
Er mit Liebe beladen langsam
schleppte ihre beiden Taschen
hinter ihrem Rücken –
beide müde lächelnd, schweigsam.

Erreichten ihren Sitzplatz
mit getauschten Blicken so linder
daß sie mich überraschen
setzten sich nebeneinander –
jeder dem anderen ein ewiger Schatz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÜBERFLUG

Die harten Bergspitzen
kitzeln zart den nackten Bauch
des stolzen Flugzeugs

Überrascht hält es an,
knurrt sanft und bleibt schwebend
im Genuß gefangen –

steif und weich

Eine Wolke fast wie
ein tausend andere

Dann erinnert es sich plötzlich
an seine Reise wieder und eilt
schnell davon

scheu wie ein Vogel.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FLUG NACH ROM

Sie tuschelten
Kuschelten
Zeigten sich gegenseitig
Sachen auf ihren Handys

Als das Flugzeug startete,
gab sie ihm die Hand –
Ich sah in seinem festen Griff,
die Liebe, die sie verband

Als das Flugzeug wackelte,
fiel ihr Haupt auf seine Brust –
Ich sah, an seiner Hand auf ihrem Kopf,
die Angst vor Verlust

Als das Flugzeug landete,
lächelte sie ihn erleichtert an –
Ich sah in dem Kuss, den er ihr schenkte,
einen völlig verliebten Mann.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FLUG GEN SÜD

Flogen die Küste entlang
Dann zogen über die Berge
Und weit weit unter uns
just über den Bergspitzen
lagerte sich die Wolkenmasse,
der Erde eine Decke,
dem Himmel ein Teppich.

Dann kamen die Häuser
emsige Tausendfüssler
schmiegten sich an die Küste
mit Sehnsucht nach dem Mittelmeer,
ihrer Mutter, über die wir jetzt zogen,
in ihre offene Weite eindrangen
und flogen weiter südlich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FERNZEUG

Ein Flugzeug
Einsam und ernst
Strebt einem fernen Ziel zu
Doch alles, was es erreicht,
Ist die Ankunft in mein Herz.

Egal wie weit es fliegt
Entkommt es meiner Sehnsucht nicht
Egal wie hoch es steigt
Verschwindet es nie aus meiner Sicht –
Fernweh.

Traumraum
Der wahre Wolkenkratzer
Beweglicher Gedanke
Flugweh…
Du schönes Fernzeug.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS WOLKENREICH

Che‘s Cloud Kingdom
Da wo sie sich alleine dünkten
Formten für sich die Wolken ein Reich
Mit schneebedeckten Bergen
Und schattigen Tälern
Und Silberseen
Und sonnenspiegelnden Wüsten
Und Dörfern und Städten und Häusern
In denen die Wolkenmenschen
Ihren Wolkentätigkeiten nachgingen…
Und über ihnen strahlte wonnespendend
Eine verklärte Sonne
Und wir flogen so leise vorbei, wie wir konnten
Und ich hoffte, daß wir die Sonnenmenschen
Nicht störten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FLUGS EMPFINDEN

Ich sah aus dem Fenster heraus
Still war der Flügel
Still umrundeten wir die Kugel
Still stand am Rande der Bühne
der unerreichbare Empfindungskreis
am Ende des Tunnels –

und so langsam wie wir flogen, genau
so langsam versank er zurückgezogen
zurück in die Zukunft.
Gedanken, die uns fast einfallen
aber nie ankommen. Empfindungen,
die Empfindungen bleiben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

FLUGZEUG

Läuft weg, hüpft, klettert, kratzt
Sich langsam hoch
Die Langsamkeit überrascht mich
Ich sehe fast das träge Fließband
Auf dem es liegt…

Welten sitzen selten
So dicht beieinander zusammen gedrängt
Der Zauber ist nicht das Flugzeug
Das um die Welt fliegt…

Sondern der Welten
Leichtfüßigkeit, wie leicht
Sie an einem Ort verschwinden
Um in der Ferne wieder
Fuß zu fassen –
Die Globalisierung siegt
Weil die Wanderlust überwiegt.

Che Chidi Chukwumerije.
2019: Mein Jahr der deutschen Dichtung