FAHRT VON MÜNCHEN NACH FRANKFURT

Es ist kälter in München als in Frankfurt
und wärmer auch –
Es kommt darauf an,
ob Du die Menschen anlachst.

Es ist billiger im Dorf als in der Stadt
und teurer auch –
Es kommt darauf an,
welchen Fehler Du machst.

Ich bin nigerianischer als deutscher
Oder auch nicht –
Es kommt darauf an,
wer mich gerade ausschließen will.

Ich fahre von München nach Frankfurt
Oder auch nicht –
Denn meine Gedanken sind wo ganz anders
und sie bleiben nie still.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VIELFÄLTIG

Alles, was eine Weltstadt verträgt:
Alles, was sie nicht versteht,
verträgt sie. Alles, was ihren Boden belegt,
erregt sie, bewegt sie.
Selbst mich –
und das überrascht mich –
selbst ich finde in mitten des vielfältigen Fremden
etwas heimatliches und gleichartiges
und das überrascht mich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

STADTTEILE

Wie Geheimnisse aufsteigend
aus dem Mutterleib des Ozeans
tauchen plötzlich
aus der Tiefe der Stadt
neue Menschen auf ihrer Oberfläche auf.

Auf einmal wohne ich
in einer völlig neuen Welt
und mußte dafür nicht einmal
die Stadtgrenze überqueren –
Die ganze Welt wohnt halt in einer Weltstadt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FRANKFURT IST MEHR; UND KANN MEHR

Ich habe mich entschlossen, bei den nächsten Kommunalwahlen (14. März 2021) hier in Frankfurt am Main für die Kommunale Ausländervertretung (KAV/Ausländerbeirat) für ganz Frankfurt und für den Ortsbeirat (5 – Niederrad, Oberrad, Sachsenhausen) zu kandidieren, und bin dankbar über jede Unterstützung.

– Che Chidi Chukwumerije
https://che-chukwumerije.de/

FRANKFURT

Lang trug ich meine Heimat
wie eine ungeöffnete Reisetasche
auf meinem Rücken

Unbequem und unbequem machend
Stach ich in jeder Menschenmenge heraus
Denn ich wollte mich nie bücken

Schmerz ist ein Auseinandersetzen mit Freude
Einsamkeit ein Ringen mit Gesellschaft
Davor kann sich kein Ankömmling drücken

Doch auch die Morgendämmerung kommt irgendwann an
und die Stadt, die Dir einst so schwer war,
wird Dich zum Schluß beglücken.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KONSTELLATIONEN

Die gegenüber schaut in ihr Handy
und lächelt die ganze Zeit
Die neben ihr liest unauffällig mit,
mit emotionslosem Gesicht
Eine vierer Gruppe großer Männer
redet stehend in lauter Stimme
Ein Mädchen mit bunten Haaren und
einem bunten Rock erbricht sich plötzlich
Der S8 Boden wird bunt beschmiert
zwischen Niederrad und Hauptbahnhof
Alle Männer weichen zurück
Es ist ihren bestürzten Freundinnen peinlich
Die stille Mitleserin schmunzelt emotionslos
Ein paar Minuten später sind wir
am Hauptbahnhof und es könnte sein
daß wir alle uns nie wieder sehen werden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

STRASSENLATERNEN

Straßenmusiker und Straßendichter
Stadtgeschichten und Straßenlichter
Salz und Pfeffer und Stadtgesichter
Abwesend wenn anwesend
Anwesend wenn abwesend

Der Stadtkörper und der Stadtverstand auch
Laufen täglich herum mit vollem Bauch
Doch die Stadtseele hungert bis ein Hauch
Von Kunst und Mut und Kindlichkeit
Am Straßenrand sie sachte streift.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

BRUCHTEIL

Gestern zum ersten Mal seit langem
Fuhr ich wieder im Stau den Main entlang
Ein azursanfter Morgen ende Januar, langsam
Es erwachte innig in mir ja das Verlangen
Nach irgendetwas dadraußen
Dann kam, plötzlich, der Schnee
Und ich begriff, ne…, ich habe Fernweh
Und fühlte mich in diesem Wissen Zuhause.

Das sind die Momente, in denen ich zu mir sag
Und tausend Jahre sind wie ein Tag.

Doch bald kam Grün, ich fuhr weiter
Dieses Gedicht unvollendet leider
Zurück gelassen in jenem Moment
Im Stau des Lebens, Licht am Horizont.

– Che Chidi Chukwumerije

2019: Das Jar der deutschen Dichtung

MEETING ORLANDO JULIUS

64E38EFA-BF1D-4D9C-9C72-0A79BB9DF893

Back in 2008 when I used to work partly in Nigeria, partly in Ghana and partly in Equatorial Guinea, the late great Sir Maliki Showman – the wonderful man who taught me how to play the saxophone (that’s a tale I’ll tell another day) – told me that if I ever had the chance , I should pay a visit to and say Hello to the pioneer of Afrobeat music and one of the greatest living Nigerian saxophonists of all time, Orlando Julius, who had at that time temporarily moved from Nigeria to the Ghanaian countryside, to a quiet village on the outskirts of Accra.

So one weekend in Accra, I chartered a Taxi and drove over, where I met the maestro himself, Orlando Julius Ekemode, and his incredibly gracious and beautiful wife and dancer, Latoya Aduke Ekemode. I have seldom experienced greater hospitality than they showered to me on that day. They took me as their son, we ate together, drank together and the great man regaled me with funny and touching and inspiring tales from the good old days of Nigerian music long before I was born – just like his friend Maliki Showman always used to do too.

Finally Orlando brought out his tenor sax and asked me to unpack mine which I had brought along. And after I showed him how far Sir Maliki had already brought me as at that time, Orlando Julius proceeded to lovingly show me new tricks on the Tenor sax and to expand my knowledge of the instrument and of African and Jazz music, like a father would. These are precious memories I‘ll never forget.

And last night, in Frankfurt, more than a decade later, and many years after the death of my friend and teacher Maliki Showman, it was such a joy for me to see Orlando Julius and his wife Latoya and his whole band again on stage, slamming out one great old hit after another. At 74 he is still going strong and the tunes are still as irresistible as ever.

To crown it all, they saw me in the crowd and they remembered. Latoya told the crowd how I had come to visit them in Ghana years ago. And then Orlando asked me to dance with them on stage. New precious memories. Great great people.

Highlife, Afrobeat, Funk, Jazz – they all originate from okdschool African Music… and Orlando Julius remains among the greatest of all time.

– Che Chidi Chukwumerije

Tagebuch eines Ausländers 3: DIE MAININSEL

Es gefällt mir sehr, am Main spazieren zu gehen. Als ich noch in der Stadt gearbeitet habe, bin ich jeden morgen, nach dem ich meine Tochter in die Kita gebracht hatte, zur Alten Brücke gelaufen, sie aber nicht überquert. Ich nahm die Treppe zum Fluß runter, wo ich nach ein paar Schritten meine Lieblingssitzbank erreichte. Während ich in meinem Buch laß, näherten sich mir ein paar Enten hoffnungsvoll. Man darf sie nicht füttern, aber ich brachte es nie übers Herz, ihnen ein Stückchen meines Brötchens zu enthalten. Ich spürte die Neugier mancher Jogger und Fahrradfahrer und Angestellte unterwegs zur Arbeit, die vorbei flossen wie ein zweiter Fluß. Das Schöne an dieser Stelle ist, daß ich die andere Mainseite nicht sehen kann. Die Bäume auf der Maininsel mitten auf dem Fluß haben eine beruhigende, stärkende, sammelnde Wirkung auf mich, sie fangen mich, spiegeln mich wider. Obwohl ich in dem Buche lese, kommt es mir vor, als würde ich in Wahrheit mit der Maininsel Gedanken tauschen. Plötzlich hallen einer nach dem anderen tiefe Töne von der Kirchglocke oben auf der Strasse rüber zu mir. Es ist neun Uhr, ich stehe auf, richte Krawatte und Jacke und laufe mit dem Main weiter bis hin zum Holbeinsteg. Erst da werde ich ihn überqueren. Den ganzen Tag über, im Büro, immer wenn mir die Luft fehlt, werde ich an diesen Augenblick auf meiner Lieblingssitzbank vor der Maininsel denken. So habe ich das immer gemacht, jeden Tag.

– che chidi chukwumerije.