DEIN LEBEN IST MEIN GEDICHT

Morgen schreibe ich Dir ein helles Gedicht
Denn Deine wolkigen Augen schreien nach Licht
Doch Herzen brechen ist wohl des Dichters Pflicht
Und heute Nacht bist Du dran

Gnadenlos und hungrig, ein harter Bösewicht
Dürstig und dürftig, bis Dein Herz zerbricht
Dringe ich immer tiefer ein in Deine intimste Einsicht
Bis ich Dein Wissen hab aufgetan

Ich will Dich enttarnen Schicht für Schicht
Will wissen, was Du weißt und ich noch nicht
Will Welt und Schmerzen und Sehnsucht sehen aus Deiner Sicht
Denn die Frau führt den Mann

Und verzehrt ihn langsam wie das letzte Gericht
Und zerdrückt ihn innigst mit ihrer Empfindung Gewicht
Und entlockt ihm morgen ein helles Gedicht
Und verschluckt ihn irgendwann.

– Che Chidi Chukwumerije.

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Tagebuch eines Ausländers 8: NICHT AUFGEBEN.

Es war einmal eine Taube, die mitten auf dem Fluß um ihr Leben rang. Zuerst dachten wir, das müsse sicherlich ein Entlein sein, das nach Leckerbissen fischt. Selbst aus der Ferne sah das heftig sich bewegende Wesen auf dem Wasser da zwar nicht wie ein Entlein aus, sondern eben wie eine Taube!, aber unsere kognitive Mechanismen versuchten zuerst das Gesehene umzudeuten. Eine Taube, irgendetwas stimmte bei ihr nicht. Sie schien gefangen zu sein, oder verletzt, unfähig ab zu heben, weg zu fliegen, plätscherte heftig auf der Wasseroberfläche. Die heftigen Bewegungen dauerten immer ein paar Sekunden, wild und herzzerreißend, dann setzten sie sich wieder aus, so daß noch herzzerreißendere Momente folgten, in denen wir uns fragten, ob sie tot war, dann sprang das Ringen mit dem Tod wieder zum Leben. Wir blieben stehen und schauten hilflos zu, während diese tapfere Kämpferin sich weigerte, sich ihrem Schicksal zu ergeben. „Irgendwas scheint mit ihren Flügeln nicht zu stimmen,“ sagte meine Frau. „Ich glaube nicht, daß sie es schaffen wird,“ sagte ich. Tatsächlich riss sie der Fluß träge weiter mit. Wir liefen langsam weiter. Vielleicht ist es ein Schutzmechanismus bei mir, um nicht zu leiden – ich hatte bereits den kurzen Schmerz des sicheren Todes der Taube verkraftet und wollte die Episode schnell hinter mir lassen. Aber bei meiner Frau regte sich das Verlangen, Leben zu retten. Sie blieb wieder stehen, schaute intensiv, schweigend rüber zu der Taube, als wolle sie ihr Kraft übermitteln. „Wenn sie es nur irgendwie schaffen würde, sich bis zum Ufer zu kämpfen…“ murmelte sie. Etwas in ihrer Stimme, in ihrem Gesichtsausdruck ergriff mich. Ich blieb auch stehen, schaute ebenfalls zu und ließ den Schmerz des Geschehens wieder in mich rein. Und dann geschah genau das, das Wunderbare. Als hätte sie meine Frau verstanden, wurden die Bewegungen der Taube noch heftiger, und … langsam steuerte sie sich Richtung Ufer. „Sie kommt, sie kommt!“ rief meine Frau. Es war für mich eine Lehre aus der Hand der Schöpfung, durch meine Frau vermittelt. Ich ging runter zum Flussbett und holte die Taube aus dem Wasser. Ein Flügel hing komisch runter, nur der andere flatterte. Noch voll aufgepumpt mit Adrenalin verschwand der Vogel prompt ins Gebüsch.

– Che Chidi Chukwumerije.

SCHWERWIEGEND

Irgendwann
Muß Mann zum Mann
Werden
Ohne Beschwerden
Das wagen
Was ihm im Magen
Liegt
Und schwer wiegt

Farbe bekennen
Ist leicht
Und macht schwer
Geist erkennen
Wiegt schwer
Und macht leicht
Masken durchblicken lassen
Denn Masken sind Rassen

Löwe, du bist auch
Liebe. Aus deinem Bauch
Brülle nicht nur
Du bist nicht nur Tier.
Innerem zustimme
Zeige das Intime
Was nutzt, ungelesen,
Dein wahres Wesen?

– Che Chidi Chukwumerije.

MORGANA

Einst war es, ob du dich
Noch dunkel daran erinnerst
Kühlte ich regelmäßig mich
Im Fluße deines Innerst

Meine brennenden Schreibfinger
Fanden da drinnen Linderung
Meine unruhige Flammenzunge
Schwieg vor lauter Bewunderung

Und mein Sturm, wie ein Wüstenfürst
Stillte drängend heiß seinen Durst

Danach entstieg dem Zauberhain
Und schwebte dünn in der Luft
Stärker und süßer als Dunkelwein
Ein tiefer, wunderbarer Duft

Wie oft blieb ich trunken stehen
Schaute mich in deinem Garten um
Versuchte, Magie zu verstehen
Und wurde, selbstverständlich, stumm.

War das alles wirklich passiert?
Oder nur geträumt? Oder…

– Che Chidi Chukwumerije.

RÜCKSPIEGELUNG

Als sie Probleme, Missverständnisse
Mit ihrem Freund bekam, schlichtete ich
Doch war sie überrascht
Daß ich mit ihm Solidarität zeigte
Obwohl sie meine gute Freundin war

Ich bin halt kein Frauenversteher
Sagte ich, leise, ihr
Auch wenn ich Gedichte schreibe –
Das glaube ich dir nicht, sagte
Sie, das begreife ich nicht.

Ich sagte – ich hab zu lang ritterlich
Meiner Mutter immer Recht gegeben
Bis wurde mein Papa einsam und schweigsam
Und ich älter und ein Papa auch
Und habe, fast zu spät, begriffen

Wir Männer trotz Fehler sind am Ende
Doch alles, was wir gegenseitig haben.
Wenn nicht mal wir uns verstehen
Wer soll es tun? Mein Vater hat
Einfach das Beste getan, was und wie er konnte.

Vielleicht steckt nicht ohne Grund
Der Begriff Sohn
Irgendwo in dem Wort Versöhnung
Irgendwann wird das Leben zum Assoziationsspiel
Wer fährt dann vorwärts ohne Blicke in den Rückspiegel?

– Che Chidi Chukwumerije.