VERLANGEN NACH GLEICHART

Von Weitem gekommen
Nicht weit gekommen
Nie ganz angekommen

Den einsamen Weg genommen
Das Fremde angenommen
Keiner hat’s mir abgenommen

Wir sehen doch, was Du bist
Alles andere, was Du auch bist
Ist für uns nur eine List

Wir sehen doch, wie fremd Du aussiehst
Alles Vertraute, was Du auch versprühst
Ist ja weil Du uns verführst

Weiter gegangen
Nicht weit genug gegangen
In Richtung Deinem und meinem Verlangen

Im Nirgendwo gefangen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HEIMATSPRACHE

Deutsch ist mir eine Fremdsprache
Und ich bin in Deutschland ein Fremder
Fremde sprechen Fremdsprachen
Sonst blieben sie in der Fremde Zuhause
Und das Fremde in ihnen käme nie zur Aussprache.

Es war einmal eine Fremdsprache
Sie begab sich auf Wanderung und in allen,
die sie traf, weckte sie und lockte sie
aus ihren verborgenen Seelenwinkeln
Fremdes hervor und ließ sie einsam zurück.

Einsam und seltsam und neu
in einer Welt mit mehr Fremd- als Muttersprachen.
Je mehr wir teilen, desto fremder werden wir.
Je fremder wir werden, desto vertrauter
kommen wir uns gegenseitig als Menschen vor.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VIELFÄLTIG

Alles, was eine Weltstadt verträgt:
Alles, was sie nicht versteht,
verträgt sie. Alles, was ihren Boden belegt,
erregt sie, bewegt sie.
Selbst mich –
und das überrascht mich –
selbst ich finde in mitten des vielfältigen Fremden
etwas heimatliches und gleichartiges
und das überrascht mich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MENSCH IST MENSCH

Wie wirst Du Deutsch
wenn Du Weiß bist
und nicht weißt,
daß Du Weiß bist?

Wie wirst Du Schwarz
wenn Du Deutsch bist
und nicht weißt,
daß Du Deutsch bist?

Wie wirst Du Mensch
wenn Du nur Weiß bist
wenn Du nur Schwarz bist
wenn Du nur Deutsch bist?

Wie wirst Du Deutsch
Wie wirst Du Schwarz
Wie wirst Du Weiß,
wenn Du nur Mensch bist?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HERBSTGEBUNDEN

Wer hätte gedacht
Als ich unweit der Mittellinie
Unserer Erde geboren wurde
Zwischen Regenwald und Wüste
Tropenbewässert
Harmattangetrocknet
Sonnensohn und Savannahsäugling
Daß ich einst den Herbst
Lieben lernen würde?
Den fremden Herbst.

Wer hätte geahnt, daß das
Was mich ergänzen und stärken
Beruhigen und besänftigen
Verstehen und inspirieren und heilen
Und fesseln würde
Ganz ruhig
Die ganze Zeit in der Fremde
Lebte und webte?
Erschien und verschwand und erschien
Egal, wer ihn erlebte oder nicht.

Als ich das erste Mal Deutschland sah
War mir alles fremd und abweisend
Außer dem Herbst
Der Herbst war mir vertraut
Wie eine Hälfte meines Lebensgedichts.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WIE KANNST DU MICH LIEBEN?

Wie kannst Du mich lieben
Wenn Du mich doch hasst?

Willkommen will nicht kommen
Kommt nicht willens, ist eine Last.

Willkommen, wer will kommen?
Komme was will, Ihr Lieben
Hier findet Ihr, aber nur kurz, Rast

Meine Kinder werden‘s hier vielleicht lieben
Ihretwegen fühl ich mich willkommen
Aber nicht zuhause, denn ich bleibe Gast.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

FREMDE MENSCHEN

Spieglein Spieglein
An der Wand
Wer ist der fremdeste
Im ganzen Land?

Fremd magst Du Dich einschätzen
Einsamer Mann
Doch neben Dir wohnt einer
Der seine Gefühle nicht teilen kann

Spieglein Spieglein
An der Wand
Nach dem Fremdesten fragte ich
Im großen ganzen Land

Dann wandere von Haus zu Haus
Wenn die Masken gefallen sind
Und der Mensch in seiner Ecke kauert
Ängstlich, allein, verloren, blind.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung