STILL BEOBACHTENDE BÄUME

Ich ging im Walde
und fragte mich
ob die Bäume
uns unterscheiden farblich

Sehen die Bäume
es uns an
ob wir hier stammen
oder aus fernem Land?

Reden sie mit uns
in einheimischer Sprache
die nur jene verstehen,
die halten Wache?

Oder sind sie uns allen
gleichermaßen fremd,
während wir Körper tauschen
als wäre Fleisch ein Hemd?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE FARBEN DER ERDE

Meine Gedanken reisen nach Hause
in die Vergangenheit – Alle, die
mit mir einst die rote Nigerianische Erde
mit ihren nackten peroxidischen Sohlen druckten, die kommen meinen
heimreisenden Gedanken heute Nacht entgegen
und fragen mich, wie es denn ist, dort,
in der Zukunft, in einem Fremdland.
Ich sage ihnen, der Himmel ist blau,
die Sonne ist milder aber es ist die selbe Sonne,
die die äquatoriale Luft entzündete,
und unser Mond lebt auch hier mit mir.
Nur die Erde, die rote Erde, sie fehlt…
Hier ist der Boden braun
und ich bin, nach zehn Jahren, immer noch dabei,
mich daran zu gewöhnen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KENNE DEINE ART

Keine Zeit für Bullshit
Mein Feind trägt nicht nur fremde Haut
Er sieht auch aus, wie ich
Auch das sage ich, und ich sage es laut

Die äußere Gleichart brachte uns
So weit, daß wir gegenseitig
Die fehlende innere Gleichart erkannten
Und suchen sie nun anderweitig.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

HERBSTGEBUNDEN

Wer hätte gedacht
Als ich unweit der Mittellinie
Unserer Erde geboren wurde
Zwischen Regenwald und Wüste
Tropenbewässert
Harmattangetrocknet
Sonnensohn und Savannahsäugling
Daß ich einst den Herbst
Lieben lernen würde?
Den fremden Herbst.

Wer hätte geahnt, daß das
Was mich ergänzen und stärken
Beruhigen und besänftigen
Verstehen und inspirieren und heilen
Und fesseln würde
Ganz ruhig
Die ganze Zeit in der Fremde
Lebte und webte?
Erschien und verschwand und erschien
Egal, wer ihn erlebte oder nicht.

Als ich das erste Mal Deutschland sah
War mir alles fremd und abweisend
Außer dem Herbst
Der Herbst war mir vertraut
Wie eine Hälfte meines Lebensgedichts.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HINTER DEN KULTUREN

Zugvögeln haben es weit
Doch nimmer so weit wie ich es hatte
Wo ich zu Euch her zog

Groß ist die Welt – und weit
Und Kulturen sind Wände
Hoch und hart, ohne Tür und Fenster

Doch genau so wie der Himmel
Kracht und lacht sein krummzackiges Lächeln
Aufgehellt für einen Augenblick

Gibt es in der Wand manchmal
Einen Riss, und ich schaute hinein
Und sah, überrascht, Menschen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

MORGEN

Wieder ein neuer Tag
Die Reifen rollen, ich sitze
Sitze fest und ruhig
Das Frühstück war anders heute
Die ersten Minuten sind gut überstanden
Ich bin mein neuer Tag
Geworden.
Tag im Tag.
Ich fahr durch meine Gedanken
Unterwegs zum Büro
Hauptstadt ist eine Urempfindung
Straßen befinden sich im Bau
Immer
Immer wieder
Wieder verstehe ich nur die Bäume
Sie sind, was sie sind
Wie viele sind wir im Bus?
Das einzig Verbindende ist nicht mal ein Gruß.

– Che Chidi Chukwumerije.

SEELENVERWANDT

Die Seele eines Fremden
Klopfte an meine Tür einmal in der Nacht
Statt mich erschrocken oder träge abzuwenden
Bin ich erwacht, hab aufgemacht und mir dabei nichts gedacht
Meine Lebensblätter aber würde sie wenden
Denn viele neue Gedanken hat sie mitgebracht

Jetzt ist sie fort, aber fremd nicht mehr
Denn alles, was sie hinterließ, es lebt noch alles hier.

– Che Chidi Chukwumerije.

Tagebuch eines Ausländers 7: ALTERN.

Es war eine schöne luftige Fahrt. Mir war träumerisch zu Mute. Eine dieser Fahrten, wo das Auto verschwindet und man das Gefühl hat, auf einem Luftkissen durch die Natur hinweg zu schweben. Dein Körper sitzt im Auto, Deine Seele bewegt sich von Baumkrone zu Baumkrone, tanzt mit jedem betrunkenen Grashalm, beteiligt sich am Gespräch der Blumen, lauscht dem Winde, der neugierig Kontakt sucht zu Menschlichem. Jeder Atemzug war irgendwie lungentief, langsam, ein Genuss. Ich habe an nichts Bestimmtes gedacht, mein Inneres war wie ein neues Blatt einer meiner Notizbücher, ein Blatt, auf das er sich gleich drücken würde. An irgendeiner Kreuzung in irgendeinem Dorf auf der Landstrasse sah ich ihn. Ein alter schwarzer Mann. Zu europäischen Augen sähe er junger aus, als er tatsächlich war, wusste ich. Ich sah, daß er schon alt war. Langsam kehrte und reinigte er den Ort einer vorherigen Straßenreparaturenarbeit. Er war dünn, sein Rücken ein bisschen gekrümmt, Haare grauend. Seine Bewegungen und Körpersprache wirkten mechanisch, gedankenlos. Er schaute kurz hoch, als wir an der Ampel hielten. Mit Erschrockenheit sah ich die Leere, die Teilnahmslosigkeit, die Resignation in seinen Augen. Blitzartig wurde ich in meine Kindheit zurück katapultiert, zu meinem Vater. Wie oft hat er uns davor gewarnt, davon abgeraten, je in ein Fremdland zu übersiedeln? „Hier bei uns ist kein Wasser, kein Strom, keine Infrastruktur, oft keine Ordnung, keine Perspektive… und deshalb gehen die jungen Leute alle. Aber lohnt es sich wirklich? Nur wenige finden das Glück in der Fremde, denn der nötige kulturelle Kontext fehlt. Und nur wenige finden den Weg zurück. Aus jungen, hoffnungsvollen Menschen werden einst alte, verlorene, desorientierte Greise. Bleibt hier, meine Kinder, und steigt oder stürzt mit eurer Heimat.“ Ich sah in die entwurzelten Augen des alten Straßenkehrers und sah die Erinnerung an den Blick meines Vaters. Die Ampel wurde grün. Als das Auto los fuhr, unterhielten sich meine Kumpels über BVB und Bayern, während sich in meiner Seele viele Gedanken regten.

– Che Chidi Chukwumerije.