ANGEHALTENER ATEM

Die Bilder, die uns hätten mahnen sollen,
ernteten uns, und siegessicher, Erlahmung

Die Bilder, die uns hätten warnen sollen,
signalisierten stattdessen Entwarnung

Die Bilder,
die uns an vergangenes Übel erinnern sollten,
angeblich wilder,
lenkten uns vom heute begangenen Übel ab,
anscheinend milder.

Doch Fremdenhass kommt heute
niemals angekleidet wie gestorbene Leute –
Er zieht T-Shirts von heute an
sieht cool aus, normal, aufgetan
und tanzt im Club dann und wann.

Hass braucht keinen Grund, zu hassen.
Dein Dasein ist ihm Boden genug.
Generation für Generation wächst seine Ungeduld.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEINE ENTSCHEIDUNG

Ich stand allein in der Nacht
und, weil ich stand,
war es keine Nacht mehr

Ich lag mit vielen mitten am Tag
doch, weil ich lag,
war es Nacht und kein Tag mehr.

Und es war meine Entscheidung,
zu lieben oder zu hassen,
zu töten oder leben zu lassen,
zu identifizieren mit der gesamten Menschheit
oder nur mit ausgewählten Rassen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HANAU UND WIR

Schüsse so laut!
Sie gehen der Stadt
unter die Haut!
Mitbürger,
uns vertraut…
Uns von einem Rassisten
in der Nacht geklaut.

Schaut! Schaut! Schaut!
Immer noch keine Polizisten –
Es hat sich leider gestaut
an all ihren Leitungen.
Uns einfachen Zivilisten graut
es davor. Doch rassistische
Strukturen gehören endlich abgebaut!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER SELBSTTÄUSCHENDE RASSISMUS

Der Rassismus ist ein blinder Fleck.
Die rassistischsten merken es nicht
oder wollen es nicht merken;
In ihren Schwächen
preisen sie sich ihre Stärken;
Doch erkennen werdet Ihr sie
an ihren Werken:
Fremden weh tun ist versteckt ihr Daseinszweck.
Und das sind die Besten.
Was mag denn stecken in den Resten?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEUTSCHSEIN UND ICHSEIN

Wie viele Grenzen habe ich überquert
Auf der Zugreise von Frankfurt nach Berlin?
Die Hauptfrage war anfänglich:
Bin ich Deutsch genug, um Mensch sein zu dürfen
Auf deutscher Bühne?
Jeder Frage gebar eine Folgefrage,
Bis am Schluß die Frage lautete:
Ist Deutsch Mensch genug, um mich gewähren zu lassen
Im deutschen Wesen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER SCHWARZE DA

Es entgeht mir nicht
wenn auf einem Gesicht
ein blauer Himmel sich
verfinstert plötzlich

Es entgeht mir kaum
wenn in einem Raum
ein blauer See auf einmal
trüb wird und asozial

Denn plötzlich,
als man unter sich
wähnte, steht er da –
Der Schwarze da

Die hohe Rasse ist
doch genauso niedrig, ist
doch genau so blind
und auch noch ein Kind.

Che Chidi Chukwumerije
02.03.2020 (23:05h)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WIR

Ich denke an Euch
wie Ihr mit Eurem Leben
dafür bezahlen musstet
daß Ihr ein Leben hattet
und Teil unseres Lebens wart
– und nur deshalb.

Ich denke an Euch
entspannt lachend im Arm
des gemütlichen Abends
eingerahmt vom familiären
und vertrauten „Wir“
– zum aller letzten Mal.

(an die Opfer des rassistisch motivierten Terroranschlags am 19.02.2020 in Hanau)

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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DIE MACHT DER FREMDENFEINDLICHKEIT

Wenn alle glauben
es liegt eine verborgene
ihnen überlegene Macht
im Schatten
dann stellen sie sich auf die Seite
des Schattens

Dadurch gewinnt dann erst
der Schatten Anhänger
Soldaten, Befürworter, Aufwind
und Stärke – was er alles vorher
nicht hatte

Die Macht des Schattens
ist die Macht der Illusion –
Bleibe Du im Licht
denn im Schatten ist nichts

Einer im Licht
ist stärker
als hundert im Schatten.

Che Chidi Chukwumerije (11.02.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

NEUE WINDE, ALTE FAHNEN

Wir liegen wach seit einem Tag
und einer Nacht und halten Wacht
nach dem Orkan, der kam und kam
und kam noch nicht. Die alten Gefühle
sitzen noch fest in der Windstille
auf der Landschaft mitten im Gewühle
unserer äußerlich gemäßigten Gesellschaft.
Nur einer ist unruhig: der alte Wille
zur Erneuerung ohne Veränderung.
Doch wie kann unsere Gemeinsamkeit
neu werden, wenn die alten Sitten
und Ansichten noch mitten im Herzen
der Bevölkerung sturmreif und tief sitzen?
Auch neue Fahnen wehen im alten Winde
und in den neu kommenden die Alten.
Auf lebe neu der alte Widerstand.

Che Chidi Chukwumerije (10.02.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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