OHNE WORTE

Hast Du schonmal zwei Menschen
reden gehört
und mit keinem Wort verraten sie,
worüber sie wirklich redeten?

Hallo. Wir geht‘s Dir?
Lange Zeit. Danke, mir geht es gut.
Und Dir? Auch. Auch. Schön,
Dich mal wieder zu sehen. Ja…

Eine Umarmung… Sie gehen
ihre getrennten Wege wieder. Einst
waren sie beste Freunde, Liebhaber sogar,
aber das ist lange lange her.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREIER GEIST

Kein Mensch kann
einem Menschen gehören

Aber wir wollten uns gegenseitig angehören
Und logen einander an
jede Nacht flüsternd
Ich gehöre Dir,
Ich gehöre Dir,
Ich gehöre Dir.

Doch meine innere Stimme
schaute mich jedes Mal danach an
und sagte:
Das ist nicht fair.
Sag ihr doch die Wahrheit:
Du gehörst nur mir,
dem Feuer tief in Dir selbst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU WIRST DEINE FREUNDE FINDEN

Du wirst Deine Freunde finden
auf weniger begangenen Wegen –
Den Sonnenschirm fandest Du im Regen

Alles, was zählt, zählt nicht
Alles, was Du warst, warst Du nicht

Erst fandest Du das neue Dich
dann kam Dir sein Freund entgegen
und zeigte Dir das neue Dich
in nie gekannten Wegen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE UNSICHTBARE MACHT DER FREUNDSCHAFT

Freunde
wohnen in meinem Herzen
wie Empfindungen in einem Geist
wie Gedanken in einem Kopf
wie Wesenhafte in der Natur

Keiner sieht sie
Keiner kennt sie
Doch gäbe es sie nicht
gäbe es kein Herz und keinen Geist
keinen Kopf, keine Natur und keine Freude.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SIE-FREUNDE

Das einzige, was sie verbindet, ist Distanz.
Nähe erweckt in ihren Herzen
eine unerklärliche Resistanz.
Mit wachsender Intimität schwindet
die gegenseitiger Akzeptanz.
Ihre Freundschaft braucht Raum
um zu entfalten
und zu halten
und walten zu lassen
ihre vollständige Substanz.
Das war, das ist, das bleibt ihr ewiger,
rätselhafter, gemeinsamer und schöner Tanz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FAMILIE BRAUCHT KEIN BLUT

Ist Blut Familie?
Ich suchte überall in meinem Erbgut,
vergebens,
denn es fehlte mir trotzdem
ein Teil von mir,
der mit mir nicht verwandt ist.
Er hat fremden Hut an.
Unter allen Menschen gibt es keinen,
der mir mehr zugewandt ist
als meine geistige Gleichart
in fremder Gestalt, als wäre Familie
erst dann wirklich Familie,
wenn sie außerhalb vom Blut liegt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung