TAUZIEHEN

Der Winter taut sporadisch
wie ein verrückter Mann im Selbstgespräch mit seinen Träumen
Und weiß nicht, ob vor oder zurück –

Opportunistisch hockt der Frühling
im Hintergrund und wartet …
Atemzug um Atemzug wartet er
auf seine Gelegenheit, zu zu schlagen

Hin und her taumelt die Welt
zwischen Kampf und Versöhnung
zwischen Akzeptanz und Ablehnung
Zwischen Verzweiflung und Hoffnung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZEITREISEN

Die Natur erzählte mir, daß
sie die Fragen im Winter sammelt
im Frühling vergißt
im Sommer wieder in Erinnerung ruft
und im Herbst beantwortet.

Schweigen ist keine Schwäche
sondern ein Werkzeug
Geduld ist das Licht, in dem
das Unklare langsam klarer wird
Die Zeit ist ein Freund der Wahrheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER APRILBERG

Der Schnee ist den Gipfeln gewichen
Er ist geschmolzen
und mit einem leisen Seufzer
nach Hause gegangen.

Hier und da wie auf einer Leinwand
behält der überraschte Berg
eine zarte Erinnerung an seinen Gast
langsam verblassend

Und der blaue Himmel hoch da oben
der schiebt die Wolken auseinander
blickt mit Verlangen auf den Berg
und vermisst den Schnee.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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BERGSPAZIERGANG

Wir liefen wie zwei Kinder
Weit entfernt von der Welt von Tinder
Tauschten unschuldige Gedanken
Und dafür möchte ich mich noch bedanken
Für das gemeinsame Aufsaugen der Natur
Und die Neubelebung der Kindheit
Ohne Uhr, Berge nur, jede Spur Freude pur
Geheilt der Erwachsenenblindheit.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

APRILGEDICHT

Ich sage manchmal Ja
Und ich bin da
Und manchmal Nein
Bitte laß mich allein

Der Regen zögert
Eingeschüchtert
Der Regen stürmt
Schuttelt und wurmt

April April
Du hast Deinen Stil
Und machst, was ich will

Befreist alle meiner Seiten
Schneller als ich es vermeiden
Kann, muß ich mich entscheiden

Täglich tausend Eindrücke
Und ich nur eine wackelige Brücke

Ein Dichter.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

GRÜNES LICHT

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Grünes Licht
Der Frühling bricht
Aus Winters Erinnerungen aus
Übernimmt der Natur Haus

Grünes Licht
Der Frühling spricht
Ein Gedicht nach dem anderen
Jedes eine Blume dem Bewundernden

Ich komme zu Dir
Gehe mit Dir
Fahre aus Dir heraus
Es blüht wieder mein Gefühlschaos.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

Tagebuch eines Ausländers 4: SPUREN DER ZEITEN.

Der langsame Vorgang des Aufbaus einer Beziehung mit den 4 Jahreszeiten hinterlässt nicht nur biologische, sondern auch seelische Spuren an mir. Obwohl ich seit fast 2 Jahrzehnten mit Deutschland zu tun habe, wohne ich erst seit dreieinhalb Jahren mehr oder weniger fest hier. Lange stand ich vor der Wahl und weigerte mich, sie zu treffen, bis sie für mich getroffen wurde vom Schicksal.

Es dauerte nur ein paar Monate, bis ich begriff, daß in einem Land länger am Stück leben ganz anders ist, als es oft besuchen. Sprache ist nicht gleich Sprache, und definitiv nicht gleich Kommunikation. Vor allem die Jahreszeiten, wenn man aus einer völlig anderen Klimazone stammt – die sprechen eine Sprache, die nur sie höchstpersönlich jedem Einzelnen beibringen können. Daran hatte ich vorher nicht gedacht. Es ist ein langsames, sehr langsames, sich mit dem Fremden verständigen. Sie legen sich mit ihrem ganzen Gewicht nach und nach auf ihn, bis er nicht mehr atmen kann, denken kann, sehen kann, ohne sie zu berücksichtigen, ohne alles innerhalb des Zusammenhangs ihres All-seins zu tun. Als wäre man eine Blume, spürt man wie allmählich neue Blätter aus den Tiefen seiner Seele schmerzvoll entfalten. Der Schmerz fühlt sich wie das Erwachen neuer, zusätzlicher Lungen an, die dem Wanderer mit der Zeit eine Vielseitigkeit an Leben-aufsaugen ermöglichen, die – wie bei den Jahreszeiten – seinem Nachbarn verborgen bleibt. Denn jeder erlebt sie auf seiner eigenen Art und Weise.

Wie viele Menschen bin ich jetzt geworden? So verlockend es ist, zu behaupten, ich wäre jetzt zwei oder drei, und was weiß ich noch wie viel mehr geworden, muß ich gestehen, trotz allem immer noch der selbe Mensch zu sein, der Durchreisende, der nicht nur Fußstapfen hinter sich lässt, sondern auch Abdrücke auf seiner Seele sammelt.

Dieser Frühling fühlt sich manchmal wie Herbst an – nur sind das allein meine eigenen Blätter, die an Buntheit gewinnen.

– Che Chidi Chukwumerije.
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