JENSEITS DER GEDICHTE

Ich vermisse Deine Gedichte
Die Nachfrage in mir danach ist groß
Alle Einflussgrößen steigern meine Vorlieben
Die sehnen sich, wie immer, nach Deinem Schoß.

Das wäre’s mit meinem knappen Gedicht heute.
Ich möchte wie Du ohne Worte groß dichten,
Schmerz fühlen tiefer und Freude empfinden
reiner als schreiben, reden oder dichten.

Die innige Tat.
Rege Saat –
Blatt um Blatt um Blatt…
Ich bin noch nicht satt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE GRENZE DER DICHTUNG

Einer muß das Verschlüßelte
Erst entschlüsseln (können) (wollen) (müssen)
Und darin liegt die Kunst.

Die Dichtung ist ein stilles Bild
Die in Richtung einer Realität zeigt
Die jenseits der Dichtung liegt.

Sich in die Dichtung zu verlieben
An der Dichtung zu hängen
Und bei der Dichtung stehen zu bleiben
Ohne in die darüber und dahinter
Lebende Realität hinein zu gehen,
Ein Teil dessen unvollkommen, unvollständig
Und meistens fehlerhaft VERDICHTET wurde
Als Dichtung ins Gedicht,
Wäre:

Der Dichtung ihren wahren Sinn und
Wahren Zweck zu berauben;
Wäre:

Ihr Dasein vergebens und umsonst zu machen
Fast wäre es besser, das Gedicht
Wurde nie geschrieben.

Die Dichtung fungiert und funktioniert
In ihrer höchsten Form
Am besten als Botschafter, als Zeigefinger
Um das Vorhandensein dessen zu bezeugen
Und darauf hinzuweisen:

Ein Ort und eine Zeit
Und eine Beschaffenheit und ein Sein
Wo das, was schwach in dem Gedicht
Zu ahnen ist,
Keine Dichtung ist
Sondern normale und echte
Realität.
Die Wirklichkeit.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

EIN GLÜCKLICHES GEDICHT

Zum Glück und Pech
Hab ich Gleiches zu dichten
Ein Gedicht ist ein Versteck
Mehrerer Schichten

Wäre Schicksal Geschichte
Wäre es ein Gedicht
Kein Leben ist lang genug
Zu ertragen Gottesgericht

Es sei, es wären alle Seiten
Eng zusammen verdichtet
Beim Nehmen sind wir gleich
Zum Geben verpflichtet

Alles ist in einem erreichbar
Mache Dein Leben zur Dichtung
Und schließe all Deine Kreise
Mit nur einem Wechsel der Richtung.

Che Chidi Chukwumerije.

Tagebuch eines Ausländers 6: UND NICHTS ZU SUCHEN, DAS WAR MEIN SINN…

Ich hatte eigentlich keinen Bock, trotz meiner Liebe zur Poesie. Aber meine damalige Freundin hatte mich gebeten, sie zu begleiten. Auch sie hatte keinen Bock. Aber ihre Mutter war krank geworden und hatte bereits für 2 Personen bezahlt. Ihr Lebenspartner zog es vor, bei ihr zu Hause zu bleiben und sie zu verarzten. Deshalb bat mich Dida, sie zu dem Poesieseminar zu begleiten. Das war alles vor vielen Jahren und mein Deutsch war noch nicht so gut, aber ich konnte nicht nein sagen. Mich graute ein bisschen davor, 2 Abende unter fremden Menschen aus der Generation meiner Eltern zu sitzen und Texte zu hören, lesen oder ‚bearbeiten’, die ich womöglich nicht ganz verstehen würde. Der erste Abend war genau so langweilig, wie ich gefürchtet hatte. Lange Vorträge in ernsten Stimmen, wenig lächeln, kein seufzen, keine Zauber in der Luft oder in den Augen der Teilnehmer. Auf der Heimfahrt gestalteten wir den Abend in Witze um, um ihn verarbeiten zu können. Am nächsten Abend fiel sie mir sofort auf. Sie war am vorherigen Tag nicht dagewesen. Das Wort Intensität ist nicht intensiv genug, um ihr Gesicht beschreiben zu können. Sie erklärte in einem kurzen Vortrag, daß die Dichtung auf der Höhe ihrer Brillianz schwer unterscheidbar ist von der Einfachheit. Da war etwas in ihrer Stimme. Als Beispiel fing sie an: „Ich ging im Walde, so für mich hin…“ – Goethe’s „Gefunden“, langsam. Einmal in einem Zug von Anfang bis zum Ende, das zweite Mal von Strophe zu Strophe, Bemerkungen nach jeder Strophe machend. Danach durfte jeder, der wollte, das Gedicht einmal laut vorlesen. Dida flüsterte zu mir, ich sollte es auch probieren, ich hätte eine gute Stimme. Endlich stand ich auf und las das Gedicht vor, und wunderte mich, daß meine Stimme selbst mir so ruhig klang. Zum ersten Mal schauten wir einander direkt in die Augen, kurz aber intensiv. Als ich wieder saß, spürte ich, daß neben mir Dida verunsichert geworden war. Ich legte einen Arm um ihre Schulter, während in mir der Wunsch zum Leben kam, auch einmal auf Deutsch Gedichte zu schreiben. Ich hatte gerade etwas gefunden, aber was?

– Che Chidi Chukwumerije.