ZEIT REISE

Ist die Zeit eine Linie
oder ein Kreis?
Ich führe zum Beweis
ihrer Kreisförmigkeit
die ständige Anwesenheit
der Vergangenheit
in der Gegenwart
ihrem Lieblings Tatort
wie in ihrem Kreissaal
der ständigen Wiedergeburt
ohne Zukunft.

Ohne Zukunftsblick
Geht‘s ins Vergangene zurück
Der Bewegungsdrang
treibt zum Alten wieder
wer das Neue nicht ertragen kann.

Ist die Zeit ein Kreis
oder eine Linie?
Ich führe zum Beweis
ihrer Linienartigkeit
die Reue über alles Vergangene
was ich nie wieder zurück holen kann.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

NEUE WINDE, ALTE FAHNEN

Wir liegen wach seit einem Tag
und einer Nacht und halten Wacht
nach dem Orkan, der kam und kam
und kam noch nicht. Die alten Gefühle
sitzen noch fest in der Windstille
auf der Landschaft mitten im Gewühle
unserer äußerlich gemäßigten Gesellschaft.
Nur einer ist unruhig: der alte Wille
zur Erneuerung ohne Veränderung.
Doch wie kann unsere Gemeinsamkeit
neu werden, wenn die alten Sitten
und Ansichten noch mitten im Herzen
der Bevölkerung sturmreif und tief sitzen?
Auch neue Fahnen wehen im alten Winde
und in den neu kommenden die Alten.
Auf lebe neu der alte Widerstand.

Che Chidi Chukwumerije (10.02.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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ZEITGEISTER

M: Wir reden übermorgen

H: Was wollen wir über morgen reden? Laß uns doch lieber über heute reden?

G: Ne, laß uns über gestern reden. Dann wissen wir Bescheid über heute und morgen. Denn vor gestern gab es keine Geschichte. Alles fing immer gestern an.

M: Alles gut. Doch laß uns das erst übermorgen machen. Denn heute will ich erst über morgen reden.

H: … und morgen erst über heute?

M: Ja!

G: Aber das wäre dann gestern… endlich!

H (*kopfschüttelnd): Was soll ich täglich mit diesen Selbstgesprächen? Gestern und Morgen gibt es nicht. Eines gab es, eines wird es geben. Täglich. Heute bin ich ein Einzelkind. Wie immer.

SCHWEIGEN.

Che Chidi Chukwumerije (08.02.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

HEUTE VERÄNDERN

Es gibt nie wirklich einen Morgen
Das Leben verändert sich immer
Denk an all Deine Träume von Morgen
Von ihnen hat keinen blassen Schimmer
Heute – Gestern‘s wahrer Morgen.

Die Art und Weise, wie sich Heute wiederholt
immer wieder im Kern und immer wieder
raubt mir den Atem wiederholt. Wieder erholt
hole ich wieder aus, stimme Morgens Lieder
doch Morgen hat mich Heute wieder eingeholt.

Morgen kannst Du nie aufholen
denn Heute läßt sich nie überholen

nur verändern.

Che Chidi Chukwumerije (04.02.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

IM GUTEN ABSCHIED NEHMEN

Hast Du heute morgen
Deinen Geliebten in die Augen geschaut?
Hast Du es zur Verzeihung
Und zum Liebe-tauschen Dir getraut?
Hast Du die Mauern, die gestriger
Streit errichtet hat, heute abgebaut?

Heute morgen könnte
Die letzte Gelegenheit gewesen sein.
Schneller und plötzlicher als
Du denkst, steht einer von Euch ganz allein.

Che Chidi Chukwumerije (27.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

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LIEBE UND LASSE DEN MOMENT

Gestern, wie unsichrer Boden,
wurde mir so schnell unter den Füßen
weggezogen. Das Leben gestattete
es mir nicht einmal, mein eigenes Gedicht
zweimal zu lesen und so war’s gewesen
Als wär’s nie gewesen. Das nächste steht
verschwindend schon vor der Tür.

Wen ich heute liebe, liebe mich heute zurück.
Morgen reimt nichts mehr mit gestrigem Glück.

Che Chidi Chukwumerije (24.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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DAS JAHRZEHNT DER DEUTSCHEN DICHTUNG

Bis zum 2030
Soll mir das Jahrzehnt
Der deutschen Dichtung sein,
Nebenbei erwähnt.

Denk nicht an die Zukunft,
Erlebe die Gegenwart.
Die Ewigkeit ist ein Topf
In dem der Moment gart.

Täglich suchen Sonne
Und Erde ewig sich;
Täglich liebst Du leben
Und Licht und zärtlich mich.

Der Wind durchblättert täglich
Die Baumkrone da drüben,
Was suchst Du in meinen Gedanken
Von der Sehnsucht getrieben?

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung.

DAGEGEN WARTE

Warum sagen wir gleichzeitig
Und nicht zeitgleichig?
Warum lieben wir uns gleichzeitig
Und nicht zeitgleichig
Gegenseitig?
Wieso nicht gegenzeitig?
Was ist die Zeit überhaupt?
Mehr als der Moment
Hat sie uns zum Weilen nicht erlaubt
Und dann uns von ihm wieder getrennt
Bis zum nächsten Moment.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ERINNERUNG

Sie hat gelernt
Gestern zu vergessen
Sie hat gelernt
Gestern kehrt immer wieder zurück
Sie hat gelernt
Wenn sie gestern vergißt
Begegnet sie ihm unvoreingenommen
Ohne Vorurteile oder Vorerwartungen
Mit frischem freiem frohem Geist
Als wäre er der Fremde, der er ist
Heute.
Immer anders, immer neu.

Und so, wie gestern sich täglich verändert
Verändert sie sich auch
Gestern war sie anders
Heute ist sie wieder anders
Morgen wird sie es auch sein –
Dennoch bleibt sie immer
Der selbe Mensch
Der sie gestern bereits war.
Sie kann sich vergessen
Wird sich aber trotzdem wiederholen –
Und jede Wiederholung
Ist ein erneutes Sich-Erinnern.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DICHTKUNST

Mancher abgeschiedene Geist,
So sagt die Legende,
Akzeptiert nicht, daß sein Erdensein
Schon längst ist zu Ende;
Vermischt sich unsichtbar, stur,
Unter den noch irdisch Lebenden,
Fährt brav noch Bus und U-Bahn,
Geht spazieren mit Fußgängern.

Veränderungen zu akzeptieren,
Fällt uns Menschen wohl schwer;
Uns wegzudrehen und weiterzugehen,
Wohlbekanntes habend nicht mehr;
Eine vertraute Vergangenheit loszulassen
Macht uns ängstlich und leer;
In der Gegenwart zu leben –
Gestern weg, kein Morgen hinterher.

Ob vor oder hinter dem Grabmal
Bleiben wir das, was wir sind.
Für manche, Reichtum; andere, Status;
Manche, Liebe; oder die Zeit als Kind,
Oder Schönheit, oder Gesundheit;
Vergangenes macht uns häufig blind.
Wir tun so, als ob die Dinge noch so sind,
Wie sie es längst nicht mehr sind.

Die Kunst des Lebens besteht jedoch
Darin, auf fast alles zu verzichten,
Was das Leben anzubieten hat,
Sich Aktuellem, Kleinem, zu verpflichten;
Darin dann alles zu suchen, zu finden
Und erkennen, pflegen und zu errichten,
Worauf man angeblich verzichtet hat.
Die Kunst des Lebens ist dichten.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung