ERINNERUNG

Sie hat gelernt
Gestern zu vergessen
Sie hat gelernt
Gestern kehrt immer wieder zurück
Sie hat gelernt
Wenn sie gestern vergißt
Begegnet sie ihm unvoreingenommen
Ohne Vorurteile oder Vorerwartungen
Mit frischem freiem frohem Geist
Als wäre er der Fremde, der er ist
Heute.
Immer anders, immer neu.

Und so, wie gestern sich täglich verändert
Verändert sie sich auch
Gestern war sie anders
Heute ist sie wieder anders
Morgen wird sie es auch sein –
Dennoch bleibt sie immer
Der selbe Mensch
Der sie gestern bereits war.
Sie kann sich vergessen
Wird sich aber trotzdem wiederholen –
Und jede Wiederholung
Ist ein erneutes Sich-Erinnern.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DICHTKUNST

Mancher abgeschiedene Geist,
So sagt die Legende,
Akzeptiert nicht, daß sein Erdensein
Schon längst ist zu Ende;
Vermischt sich unsichtbar, stur,
Unter den noch irdisch Lebenden,
Fährt brav noch Bus und U-Bahn,
Geht spazieren mit Fußgängern.

Veränderungen zu akzeptieren,
Fällt uns Menschen wohl schwer;
Uns wegzudrehen und weiterzugehen,
Wohlbekanntes habend nicht mehr;
Eine vertraute Vergangenheit loszulassen
Macht uns ängstlich und leer;
In der Gegenwart zu leben –
Gestern weg, kein Morgen hinterher.

Ob vor oder hinter dem Grabmal
Bleiben wir das, was wir sind.
Für manche, Reichtum; andere, Status;
Manche, Liebe; oder die Zeit als Kind,
Oder Schönheit, oder Gesundheit;
Vergangenes macht uns häufig blind.
Wir tun so, als ob die Dinge noch so sind,
Wie sie es längst nicht mehr sind.

Die Kunst des Lebens besteht jedoch
Darin, auf fast alles zu verzichten,
Was das Leben anzubieten hat,
Sich Aktuellem, Kleinem, zu verpflichten;
Darin dann alles zu suchen, zu finden
Und erkennen, pflegen und zu errichten,
Worauf man angeblich verzichtet hat.
Die Kunst des Lebens ist dichten.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DRUM BESINNE DICH DES WESENTLICHEN

Mann kann nicht auf Verinnerlichung groß warten,
Es geht alles so schnell,
Das Leben.

Kaum hortest Du kurz in Deinen Händen Deine Karten,
Sind sie nicht mehr aktuell
Fürs Leben.

So schnell wie die Erlebnisse sich offenbarten,
Teils unwichtig, teils essenziell
Dem wahren Innenleben,

Ebenso schnell musstest Du Altes abhakend Neues stets starten,
Immer bleibend originell –
Und das war Dein Leben.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

FLÜCHTLINGE

Die Gegenwart ist auf der Flucht
Vor der Vergangenheit weit geschwommen
Und findet, egal wie hart so sucht,
Keine Gelegenheit sie zu entkommen.

Kein Geschehen ist Boot genug
Keine Gegenwart ein sicheres Meet
Der Getriebene schleppt mit sich im Zug
Seine Herkunft in die Zukunft mit hinterher.

Die Zukunft! Schimmernd in der Ferne
Trügerisches, höhnendes, herzloses Horizont
Man möchte dem Suchenden zurufen, “Lerne
Erkennen: Dein Leben selbst ist die Front!”

Dein Heute ist die zu häutende Haut
Wenn das Leben Dich haut, Deine dicke Haut
Lässt nur das durch bis unter die Haut
Unter dessen Wirkung Deine Mitwirkung auftaut…

Mitwirken beim eigenen Neuwerden
Beim Versöhnen Deiner alten mit Deiner neuen Welt
Beim gemeinsamen Streben aller Sucher auf Erden
Nach einer Zukunft, die sich friedvoller entwickelt.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung