SCHMERZ ALS MITTEL

Als wir von der Höhe fielen
Nahmen wir alles mit, was wir einst waren
Und einst hätten werden können
Um in uns der Entwicklung zu harren

Nahmen mit ungeborene Lieder
Ungebaute Häuser, ungeahnte Ideen
Unüberwundenen Schmerz versunken
In unseren Seelen wie in inneren Seen

Dennoch schliefen unsere Geister.
Denn Geist ist formgewordene Sehnsucht
Und ohne Sehnsucht nach Leben
Schläft Geist weiter, trägt keine Frucht.

Ungeborene Lieder, ungebaute Häuser
Ungeahnte Ideen zieren seinen Umweg
Unüberwundener Schmerz, des Lebens Mittel
Ihn zu wecken zu seinem Daseinszweck.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

VORHÄNGE

In Ihrem Universum
Wohnt die Sonne drinnen, nicht draußen
Sie braucht die Vorhänge nur aufzumachen

Ein Lächeln
Ein herzgefülltes Lachen
Ein Aufleuchten ihrer Augen
Sie braucht die Vorhänge nur aufzumachen

Einmal hinter jedem Vorhang
Verbarg sie je einen Hang
Nach Vorurteil, nach Selbstsucht
Und so weiter, und manch eine Sucht
Ihre Mimik, Lächeln, Gestik, Fratze
Gehören alle nur zu ihrer Gesichtsmaske

Dann kam eines Tages fröhlich
Ihren Weg entlang
Das Leben spazieren gehen
Und lächelte sie an
Kurz stockte sie, dann plötzlich
Öffnet sich jeder Vorhang
Und ich sah eine Sonne aufgehen
Und sie strahlte uns warm an.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HÄNDE

Händeringend
Händesingend
Mit unseren Händen reden wir
Mehr als mit jedem anderen Spiegel

Selbstgespräche
Wenn ich runter schaue
Was ich immer sehe: Meine Hände
Meine treuesten Gesprächspartner

Unsere Hände sind unsere Selbstbilder
Sie sind die Teile von uns, die Schilder
Die wir meistens zu Gesicht bekommen

Möchte das Leben uns was aushändigen, sagen
Über uns, dann hat es nur unsere Hände
Als Botschafter. Hand als Leinwand.

Empfindung begreifen wir nicht mehr
Doch unsere Hände greifen danach

Händeringend, händedringend, ohne Weissager
Oder Palmleser. Hände als Bezeichnungspartner

In tausend Selbstgesprächen –

Auf zwei Projektionsflächen.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HALLO

Hallo ist nicht immer Hallo
Ich muß genauer hinhören
Er sagte nie und niemals Hallo
Könnte ich fast schwören

Hallo hört sich anders an
Egal in welcher Sprache
Hallo fühlt sich anders an
Auch wenn ich nicht lache –

Ein sanfter Nachtregen
Unerwarteter Gottessegen
Schilder auf unbekannten Wegen…
Das ist Hallo – so kommt es an

Unsichtbare Naturwesen
Ein verbindendes Buch lesen
Veranlassen, daß unsere Seelen genesen…
Das ist Hallo – so fühlt es sich an.

Besser ehrlich schweigen
Als mit Hallo lügen
Ohne Herz und ohne Augen
Sich gegenseitig betrügen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HEIMATSUCHE

Afrika wandert aus
Die Welt marschiert ein
Bis Afrika wieder den Weg nach Haus
Gefunden hat, ist’s nicht mehr seins

Europa breitete sich kräftig
Über die ganze Welt aus
Nun betrachtet eben die ganze Welt
Europa als sein Haus

Es ist ein ständiges Geben
Nehmen und Entgegennehmen
Eine Neugestaltung der Zukunft
Folgt auf jedes Unternehmen

Obwohl Du O2 einatmest
Stößt Du CO2 hinaus
Der Mensch ist ein Weltenwanderer
Von der Welt verändert unterwegs nach Haus.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

KEINE ZEIT

Auf einmal sehen die Menschen
Alt aus –
Als hätte der Junge
Ein Bühnenkostüm sich ‘rübergezogen
Und spiele jetzt den Greis.

Auf einmal gehen die Kerzen
Bald aus –
Beim Glanz der Flammenzunge
Schmilzt der schwere Mantel, wird ausgezogen
Es schließt sich ein Kreis.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

EMPFINDUNG

Sehen ist das Hören der Augen
Hören das Sehen der Ohren
Mein Herz wird Dinge aufsaugen
Die einst meine Gedanken verloren

Wie bunte Ideen eines Träumers
So verschieden die Menschen sind –
Sind wir Kinder des Sommers
Oder ist der Sommer unser Kind?

Jenseits jedoch des Sinnenfensters
Höre ich hinter den Masken
Die sorgenden Augen des Winters
Deren Finger nach mir tasten

Meine Art ist meine Art zu leben
Zu vergeben und mich zu benehmen –
Wollen wir uns gegenseitig wirklich erleben
Müssen wir mit der Empfindung wahrnehmen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DAS UNSICHTBARE

Die Rose im Garten
Unter liebevoller Pflegerhand
Die Rose im Wald
In vernachlässigster Ecke im Land
Beide werden wachsen und gedeihen
Das Unsichtbare wird beiden Flügeln verleihen

Das Mädchen der Stadt
Das Mädel vom Land
Beiden haftet gleich
Stark und tief und weich
Der unsichtbaren Weiblichkeit Hand
Und Herz in Sein und bei Tat.

Ihr dürft den Drang nie unterdrücken
Nach Innen und nach Oben zu blicken.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

AUFNAHMEGERÄT

Was war zurück geblieben?
Nach dem die Fotos gespeichert waren
Die Videos geteilt an meine Lieben
Die Audios bereinigt ob der Unklaren
Die Blogs geschrieben und gelesen –
Aber war nicht mehr, viel mehr, da gewesen?

Vollzog nicht die ganze Zeit
Ein tieferes Geschehen, als Begleit,
Unsichtbar jeder technischen Erfindung
In seiner Art und wahrer Identität?
Wahrgenommen nur von unserer Empfindung,
Unserem echtesten Aufnahmegerät.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

MOMENTE DES LEBENS

Momente gesammelt
Denn ein Herz hat mehr Speicherplatz
Als alle Smartphone der Welt versammelt
Neben diesem einen Schatz:
Menschengeist.

Blatt um Blatt
Lese ich alle Menschen zwischen den Zeilen
Wie kann ich vergessen, was mich geprägt hat?
Momente markieren meine Meilen
Ich, Menschengeist.

Momente der Freude
Momente des Schmerzes, der Angst, der Liebe
Was mich einmal durchdringt, gehört im Gebäude
Meines Geistes fortan zum Getriebe
Je mehr ich erlebe
Desto mehr lebe
Ich, Menschengeist.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung