EIN ABEND MIT MOZART

Eine kleine Nacht
Musik für den Geist
Der mich bewacht
Und um mich kreist
Bei mir sitzt und lacht
Immer dann, wenn es heißt:
Wir wissen nicht, was Che macht
Er sitzt alleine meist’.

Ich liebe wohl Gesellschaft
Innerlicher Art
Wesentlich-Geistig-Wesenhaft
Die sich um mich schart
Wenn ich brauche Kraft
Kraft stark, Kraft zart
Wie eine Flöte zauberhaft
Die Ewiges aufbewahrt.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

REAL GEISTIG

Vor lauter Realpolitik geblendet
Wird die Frage nach der Herkunft
Rückwärts Richtung Vergangenheit angewendet
Anstatt wechselwirkend Richtung Zukunft

Wo ließen Deine Ahnen sich nieder?
Grübelst Du darüber, bis Du verdirbst?
Du kommst von da, wo Du wieder
Hin gehen wirst, wenn Du stirbst

Der Geist wird in der Moderne oft vergessen
In mitten von Nationen, Kulturen und Rassen
Der Verstand ist raumgreifend und alteingesessen
Der Mensch als Geist außen vor gelassen

Vor lauter Realpolitik starr geworden
Suchen wir hartnäckig, uneinig und blind
Unsere Heimat in allem Möglichen auf Erden
Außer in dem, was wir wirklich sind.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

INNERLICH LESEN

Wir dürfen heute die 95 Thesen lesen und uns von ihnen leiten und aufklären lassen. Martin Luther dagegen hat sie nirgendwo gelesen, denn sie waren ja noch nicht geschrieben. Dennoch wusste er sie. Woher wusste er sie? Er hat auf seine Innere Stimme gehört. So mächtig ist die Innere Stimme des Menschen, die Stimme seines Geistes, wenn er sie in seiner Seele sprechen lässt und sich ihr nicht verschließt. Sie lehrt uns den Unterschied zwischen richtig und falsch.

– Che Chidi Chukwumerije

SCHMERZ ALS MITTEL

Als wir von der Höhe fielen
Nahmen wir alles mit, was wir einst waren
Und einst hätten werden können
Um in uns der Entwicklung zu harren

Nahmen mit ungeborene Lieder
Ungebaute Häuser, ungeahnte Ideen
Unüberwundenen Schmerz versunken
In unseren Seelen wie in inneren Seen

Dennoch schliefen unsere Geister.
Denn Geist ist formgewordene Sehnsucht
Und ohne Sehnsucht nach Leben
Schläft Geist weiter, trägt keine Frucht.

Ungeborene Lieder, ungebaute Häuser
Ungeahnte Ideen zieren seinen Umweg
Unüberwundener Schmerz, des Lebens Mittel
Ihn zu wecken zu seinem Daseinszweck.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

VORHÄNGE

In Ihrem Universum
Wohnt die Sonne drinnen, nicht draußen
Sie braucht die Vorhänge nur aufzumachen

Ein Lächeln
Ein herzgefülltes Lachen
Ein Aufleuchten ihrer Augen
Sie braucht die Vorhänge nur aufzumachen

Einmal hinter jedem Vorhang
Verbarg sie je einen Hang
Nach Vorurteil, nach Selbstsucht
Und so weiter, und manch eine Sucht
Ihre Mimik, Lächeln, Gestik, Fratze
Gehören alle nur zu ihrer Gesichtsmaske

Dann kam eines Tages fröhlich
Ihren Weg entlang
Das Leben spazieren gehen
Und lächelte sie an
Kurz stockte sie, dann plötzlich
Öffnet sich jeder Vorhang
Und ich sah eine Sonne aufgehen
Und sie strahlte uns warm an.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HÄNDE

Händeringend
Händesingend
Mit unseren Händen reden wir
Mehr als mit jedem anderen Spiegel

Selbstgespräche
Wenn ich runter schaue
Was ich immer sehe: Meine Hände
Meine treuesten Gesprächspartner

Unsere Hände sind unsere Selbstbilder
Sie sind die Teile von uns, die Schilder
Die wir meistens zu Gesicht bekommen

Möchte das Leben uns was aushändigen, sagen
Über uns, dann hat es nur unsere Hände
Als Botschafter. Hand als Leinwand.

Empfindung begreifen wir nicht mehr
Doch unsere Hände greifen danach

Händeringend, händedringend, ohne Weissager
Oder Palmleser. Hände als Bezeichnungspartner

In tausend Selbstgesprächen –

Auf zwei Projektionsflächen.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HALLO

Hallo ist nicht immer Hallo
Ich muß genauer hinhören
Er sagte nie und niemals Hallo
Könnte ich fast schwören

Hallo hört sich anders an
Egal in welcher Sprache
Hallo fühlt sich anders an
Auch wenn ich nicht lache –

Ein sanfter Nachtregen
Unerwarteter Gottessegen
Schilder auf unbekannten Wegen…
Das ist Hallo – so kommt es an

Unsichtbare Naturwesen
Ein verbindendes Buch lesen
Veranlassen, daß unsere Seelen genesen…
Das ist Hallo – so fühlt es sich an.

Besser ehrlich schweigen
Als mit Hallo lügen
Ohne Herz und ohne Augen
Sich gegenseitig betrügen.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HEIMATSUCHE

Afrika wandert aus
Die Welt marschiert ein
Bis Afrika wieder den Weg nach Haus
Gefunden hat, ist’s nicht mehr seins

Europa breitete sich kräftig
Über die ganze Welt aus
Nun betrachtet eben die ganze Welt
Europa als sein Haus

Es ist ein ständiges Geben
Nehmen und Entgegennehmen
Eine Neugestaltung der Zukunft
Folgt auf jedes Unternehmen

Obwohl Du O2 einatmest
Stößt Du CO2 hinaus
Der Mensch ist ein Weltenwanderer
Von der Welt verändert unterwegs nach Haus.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

KEINE ZEIT

Auf einmal sehen die Menschen
Alt aus –
Als hätte der Junge
Ein Bühnenkostüm sich ‘rübergezogen
Und spiele jetzt den Greis.

Auf einmal gehen die Kerzen
Bald aus –
Beim Glanz der Flammenzunge
Schmilzt der schwere Mantel, wird ausgezogen
Es schließt sich ein Kreis.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

EMPFINDUNG

Sehen ist das Hören der Augen
Hören das Sehen der Ohren
Mein Herz wird Dinge aufsaugen
Die einst meine Gedanken verloren

Wie bunte Ideen eines Träumers
So verschieden die Menschen sind –
Sind wir Kinder des Sommers
Oder ist der Sommer unser Kind?

Jenseits jedoch des Sinnenfensters
Höre ich hinter den Masken
Die sorgenden Augen des Winters
Deren Finger nach mir tasten

Meine Art ist meine Art zu leben
Zu vergeben und mich zu benehmen –
Wollen wir uns gegenseitig wirklich erleben
Müssen wir mit der Empfindung wahrnehmen.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung