MINDERHEIT

Wie viele sind wir,
die so wenig sind?
Übersehen, wenn wir stehen,
als wäre die Gesellschaft blind.
Angefeindet, wenn wir aufstehen,
ein Leben im Gegenwind.
Sofort erwachsen werden! –
Hier überlebst Du nicht als Kind.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SEHNSUCHT NACH FRIEDEN UND FREUDE

Wenn Du findest
was Du suchst
und es nicht ist
was du suchst
was suchst Du?

In der Fremde suchst du Heimat
In der Heimat sehnst Du Dich nach der Fremde
In der Fremde findest Du Heimat
In der Heimat fühlst Du Dich fremd
Denn Fremde sind überall
Nur sehen sie aus wie Du
Und sind in Deiner Heimat Zuhause
Nun fragst Du Dich: Wer bin ich wirklich?

Wenn weder die Anwesenheit
noch die Abwesenheit von Fremden
Dich Zuhause fühlen läßt,
dann sind wohl die Fremden nicht das Problem,
sondern Du selbst.
Wenn Du Heimat findest und doch keine Freude,
was suchst Du denn wirklich?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KURSWECHSEL

Wir laufen wie ein Strom,
biegen um Berge herum –
Jeder Berg war eine Regierung
mit einer eigenen Neigung –
Ne, jeder Berg war eine Neigung
und wir nannten sie bloss eine Regierung –
Denn sie änderten ständig
den Lauf unserer Gedanken und
den Laut unserer Gedichte –
Jede korrigierte ein bisschen unseren Kurs,
geboren aus unserem innigsten Diskurs –
geborgen in unserem Herzen.
Höhen, Tiefen, Fallen, Steigen –
Und so nahm unsere Geschichte
eine Wendung nach der anderen,
ihrer fernen fernen Ziele entgegenfließend
wie ein Strom, geborgen in unseren Herzen,
namens Sehnsucht
namens Entwicklung
namens Menschentum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESELLSCHAFTSSCHWEIGEN

Gibt es irgendwas
was wir alle wissen
doch keiner spricht davon?

Es könnte sein
daß es dieses eine Ding gibt
wovon keiner spricht.

Wir ahnen es
wissen es aber nicht genau
denn keiner spricht davon.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREMDELN

Du liefst die Straße entlang.
Schade, daß von all den Menschen,
die Dich innerlich ansprachen,
mit keinem kam es äußerlich zur Aussprache.
Du sagtest nichts
Und sie sagten nichts.
Wir leben zum selben Zeitraum auf der Erde
Und laufen alle an einander vorbei.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEMOKRATIE 2.0

Links ist manchmal rechts
Rechts ist manchmal links
Der Weg nach Vorn geht manchmal
weder über links noch rechts

Die Gesellschaft entwickelt sich weiter
Die Politik hinkt hinter her
Irreführende Bezeichnungen
zerren an uns rechts und links

Wir wollen etwas wählen,
was nicht zur Option steht.
Wir wollen etwas sagen,
wofür es kein Wort gibt.
Wir wollen etwas wagen,
wofür kein System existiert.

Wer uns das ermöglicht ,
hat uns die Demokratie gegeben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WAS KOMMT AN?

Wie viele Gespräche
münden in einen Koalitionsvertrag?
Oder wie wenige?

Überall in der Gesellschaft wird gesprochen –
Sind das die Gespräche,
die sich dort widerspiegeln?

Überall in der Gegenwart wird gehofft –
Sind das auch die Hoffnungen,
die in der Zukunft sich erfüllen?

Wieviel Gegenwart kommt in der Zukunft an?
Wieviel Gesellschaft kommt in der Politik vor?
Wieviel Wahrheit kommt in Gesprächen rüber?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NACHTSTIMMEN

Ich höre Stimmen in der Nacht…
Das Murmeln des Regens
Das Lachen meiner Freunde
Das Singen von Musik
sind nicht die Stimmen, die ich höre…
Nein. sie sind nur die begleitenden Chöre
der Stimmen der Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINE ERREICHBARE HEIMAT

Das Paradies ist gar nicht fern –
Es lebt in den Lächeln und Grüßen,
die in der S-Bahn und den Bussen
und in den Straßen nicht getauscht wurden.

Es wartet in der Rücksicht
und in der Hilfsbereitschaft,
die zwischen den Bürgern verweigert wurden
weil die anderen doch nicht so sind wie wir.

Es versteckt sich in dem Grundgesetz,
in dem unsichtbaren Verzahnungspunkt
zwischen Kapitalismus und Sozialismus
und findet nicht genug menschliche Austräger.

Das Paradies ist gar nicht fern
Es ist immer, ist nachhaltig, ist da –
… und wartet nur darauf, verstanden,
zugelassen und gelebt zu werden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE ZWISCHEN GENERATION

Und die Gesellschaft
schwankte zwischen Links
und Rechts, zwischen gerade und
krumm, zwischen Vergangenheit
und Zukunft, zwischen uns und
ihnen, zwischen ‚alle‘
und ‚ein Teil‘, zwischen Sorgen und
Hoffnung, zwischen Zwischen
und Außerhalb…
wie ein Herz am Ende einer alten Beziehung
und vor dem Beginn der nächsten…
– in ihren Augen sind Fragen geschrieben
– in ihrer Seele streiten alte und neue Vorlieben
– in ihren Gedanken ist sie forschend geblieben
– in ihrem Geiste ist sie von Träumen getrieben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung