VERSTECKTE GLEICHART

Oft saß ich allein
in einem überfüllten Zimmer
Und Deine Augen und meine
trafen sich immer
Obwohl ich in einer Ecke saß
und Du in der ganz anderen
Obwohl wir uns nicht kannten
kannten wir uns in unserem Inneren.

Und schieden und sprachen oft kein Wort
kein Gruß kein Satz zu einander,
als würden wir das nicht brauchen –
denn unsere Verbindung ist Salamander:
Unsterblich, millionenfach verbunden,
Fremde geschmiedet aus ähnlichem Geiste –
Sonderbar. Die Welt ist voller Gleichart.
Auch für den, der sie nie bereiste.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FEINERE FÄDEN

Weder Geschlecht
Noch Rasse
Brachte mir meine Gleichart

Noch war sie versteckt
In irgendeiner Klasse
Nation oder Lebensart

Immer begegnete sie mir unerwartet
Ohne erkennbares Muster –
Plötzlich da.

Augen, die mich spiegelten
Eine Stimme, die klang
fast wie meine eigene Innere Stimme.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÄHNLICH UNÄHNLICH

Wenn die nationalen Grenzen verschwinden,
was passiert den persönlichen?
Wenn die nationalen Grenzen sich verhärten,
werden wir uns dennoch verbinden.

Es ist leicht, Menschen zu finden
Es ist schwer, Menschen zu erreichen
Menschen und Länder und Völker
Abstrakt und abstrakter und noch abstrakter

Am Abstraktesten ist die Gleichart –
Auf welcher Ebene wird sie erfasst?
Egal wer Du bist, in irgendeinem Bereich habe
ich etwas, was voll und ganz zu Dir passt.

Aber das Gedicht ist noch nicht zu Ende
Denn egal wie gleichartig wir sind –
Rasse, Kultur, Geschlecht, Neigung –
irgendwo tief in uns sind wir einander fremd.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUCH GLEICHART

Du magst denken
Ich sehe nicht aus wie Du
Dennoch
Ich kann Dich repräsentieren
denn ich muss nicht so aussehen wie Du
um die Dinge so zu sehen wie Du
und für die selben Dinge aufzustehen wie Du –
Selbst Du musst das einsehen.

Was ich Dir abverlange,
das verlange ich auch mir ab
und das biete ich Dir ganz an:
Tiefer zu blicken als Deine Farbe
Mehr zu sehen als Deine Herkunft
Weiter zu spüren in Dich hinein
als Deine Orientierung,
sondern spüren bis in Deinen Geist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KENNE DEINE ART

Keine Zeit für Bullshit
Mein Feind trägt nicht nur fremde Haut
Er sieht auch aus, wie ich
Auch das sage ich, und ich sage es laut

Die äußere Gleichart brachte uns
So weit, daß wir gegenseitig
Die fehlende innere Gleichart erkannten
Und suchen sie nun anderweitig.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

REAL GEISTIG

Vor lauter Realpolitik geblendet
Wird die Frage nach der Herkunft
Rückwärts Richtung Vergangenheit angewendet
Anstatt wechselwirkend Richtung Zukunft

Wo ließen Deine Ahnen sich nieder?
Grübelst Du darüber, bis Du verdirbst?
Du kommst von da, wo Du wieder
Hin gehen wirst, wenn Du stirbst

Der Geist wird in der Moderne oft vergessen
In mitten von Nationen, Kulturen und Rassen
Der Verstand ist raumgreifend und alteingesessen
Der Mensch als Geist außen vor gelassen

Vor lauter Realpolitik starr geworden
Suchen wir hartnäckig, uneinig und blind
Unsere Heimat in allem Möglichen auf Erden
Außer in dem, was wir wirklich sind.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

GLEICHART MENSCH

Es gibt Augenblicke
Die für einen Augenblick
Uns alle vereinen
In diesem Augenblick
Denn Augen lügen nicht
Nicht Augen
Verräter lügen nicht
Im verräterischen Augenblick

Mensch sucht Mensch
Sucht mehr als Bestätigung
Mehr als Unterstützung
Mehr als Tröstung
Sucht einfach nur Mensch
Die tiefste innere Gleichart
Und in diesen Augenblicken blicken
Menschen sich gegenseitig durch.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SUCHMASKEN

Gesellschaft im Wandel
Wer hat sich geändert?
Ich nicht. Du nicht. Sie nicht.

Wer dann? Wer plündert
Erinnerungen von Skandal
Formt daraus ein neues Gesicht?

Eine neue Sicht alter Masken
Als hätte sich gewendet
Das Blatt gegen den feigen Vandalen

Ich sehe keinen Wandel
Kein Blick bricht hindurch –
Nichts durchbricht die Schutzmasken.

Bist auch Du in die Welt ausgebrochen Um sie zu verändern?
Bist auch Du in die Masken eingebrochen
Auf der Suche nach dem uns Verbindenden?
Und fragst Dich heute: Habe ich es
Noch nicht gefunden?
Oder bin ich zu stolz, um zu akzeptieren,
Es ist noch keinem gelungen?
Weil es es nicht gibt.
Es gibt nur Liebe oder nichts.

Che Chidi ChukwumerijeB
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung