DU-ETT

Wärest Du ein Lied,
wer hätte Dich gesungen?
Wer hätte Dich komponiert?
Wer hätte Dir Deine Melodie abgerungen,
die im Kind als Freude gejubelt,
in der Jugend von Sehnsucht bezwungen,
im Erwachsenen im Kampf gewütet,
im Greisen als Nachdenken ausgeklungen?

Duett.
Du und das Gesetz
der Wechselwirkung.
Euch ist zusammen Dein Lied gelungen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BEWAHRE DEINE KINDLICHKEIT

Kann es sein, daß
Kinder aus der Zukunft kommen,
in die Gegenwart geboren werden und
in der Vergangenheit sterben?

Wir wissen als Kinder mehr
als wir verstehen,
ringen als Erwachsene mit der Diskrepanz
zwischen Wissen und Verstehen –
Und sterben als Greise, die
weniger wissen als sie
vorgeben, oder glauben, zu verstehen.

Für manche fängt das Leben mit vierzig an
Für manch andere ist es mit vierzig
schon längst getan.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

INNERLICH WEITER LEBEN

Erst kamen die Blumen
Lächelnde Glocken, spielende Kinder
Mädchen blühen auf
Jungen gehen die Augen auf
Das hier, ist das das Leben?

Dann kam eine stürmische Nacht
Wild tobte es hinter Fenstern
Träumend schwebte es in auftauenden Herzen
Ein gebrochenes Herz sinnt vor sich hin
Das hier, ist das das Lieben?

Dann thronte sich die Sonne, krönte sich der Verstand
Stählerne Augen
Stein entwachsen keine Blumen
Ruhiger Erwachsene, sicher, verschlossen
Das hier, das Leiden!

Enttäuschung – Verstand trifft Empfindung
Nachdenken – Langsam, wie der Abend
Fallen die Nachwirkungen der Schicksalsschläge
Irgendwann fällt mal Wahrheit auf
Das da, das war das Lernen…

Zuletzt nimmt zu der Mond, nicht ab…
Ferne Fragen funkeln wie rufende Geheimnisse, schwache Erinnerungen
Vorstufe einer Rückkehr, sehnende Wiederkehr zu Dir
Nimmt jetzt die Runde wieder ab?
Wie geht es weiter? Immer weiter.

– Che Chidi Chukwumerije.

Tagebuch eines Ausländers 10: KINDLICHKEIT

Seine Augen funkelten, während er sprach. Über die Berge. Erinnerte mich daran, wie sie alle heißen. Er lud mich zu Kaffee und Kuchen ein und wollte wissen, wie es meinen Eltern geht und ob sie ihre Augen-OPs schon hinter sich hatten. Gegenüber von uns war ein kleiner Spielplatz, wo fünf Kinder sich gegen einen kleinen Jungen verbündeten und ihn von jedem Spielapparat weg schubsten. Ein Mädchen war kurz dagegen, wurde aber von den anderen schnell zurecht gebogen. Als endlich der Junge weinend ging, fingen die fünf an, unter einander zu streiten. Schweigend beobachteten wir diese Szene. Er schüttelte den Kopf und sagte, Kinder sind noch heute so, wie sie vor achtzig Jahren waren, als ich noch eins war. Er rief das vorbeilaufende weinende Kind zu sich und wickelte es in ein Gespräch ein. Wie er es bei mir gemacht hatte, bestrahlte er das Kind mit seinen kindlich leuchtenden Augen und fragte es nach seinen Eltern, ob sein Vater den Zaun des Opas bereits repariert hatte, ob die Mutter mit dem neuen Auto noch unzufrieden sei. Er sagte dem Jungen etwas, was er vorher nicht wusste – sowohl sein Papa als auch Opa waren mal Schüler bei ihm in der alten Grundschule gewesen. Echt?, meinte der Junge und seine Augen funkelten. Wir schritten langsam alle drei über die Strasse wieder auf den Spielplatz. Er nahm eine ein Cent Münze aus dem Ohr des Rudelführers raus und ließ sie zwischen seinen verschrumpelten Fingern verschwinden. Dann suchte und fand er eine zweite Münze hinter dem Ohr eines Mädchens, die auch im Nu wieder weg war. Bald hatte er sechs Münzen gekapert, die er schließlich alle aus seinem Geldbeutel wieder herausholte. Der Kinder Augen strahlten kindlich wieder. Ich stand abseits und beobachtete die sieben Kinder mit einander spielen. Als wir wieder auf der anderen Straßenseite bei Kaffe und Kuchen saßen und die sechs unter einander beim fröhlichen Münzmagierspielchen zu schauten, grinste er und sagte, Kinder sind immer noch so, wie sie vor achtzig Jahren waren, als ich eins war. Und ich dachte zu mir, daß obwohl es Kindlichkeit heißt, manch ein Greis viel mehr davon zu besitzen scheint als manch ein Kind manchmal.

  – Che Chidi Chukwumerije.