SCHWEIGEND LABEN

Schweigen.
Es ist still in mir heute -
Wo seid Ihr alle, Leute?
Der Fragesteller und der Antwortgeber,
Der faule Genießer und der Streber,
Der Bescheidener und der Angeber,
Der Einzelgänger und der Kleber,
Der Nichtstuer und der fleißige Weber,
alle sind wie verschwunden heute Abend -
hier genese ich, mich am Schweigen labend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

LANGSAM NÄHER

Flügelschlag lautlos winkend
die Ferne langsam näher bringend
Der rosarote Abend absinkend
mein Herz zum Seufzen sanft zwingend
Der Natur Malerei austrinkend
Tränen meiner Seele auswringend
mich mit Dir und mit Schmerz verlinkend
Auf Abschluss wartend - dringend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

RAUM FÜR SPASS

Starr war‘s
in Deiner kalten Welt
Der Mars
in einem dunklen Zelt
Wär wärmer

Doch ich bin Dein Jedi
Dein Dreddy, Dein Teddy,
Dein Che und Dein Tschiddy

Egal wer, egal was
Dich so arg verletzt hat
Er, es, ist es nicht Wert.
Heute haben wir Spaß
an des Schmerzes Statt -
Ich hab ein Lichtschwert.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

HAT EINE WUNDE EIN ABLAUFDATUM?

Hat eine Wunde ein Ablaufdatum?
Wie lange muss sie bluten?
Wann ist ihre Blütezeit um?
Erdenleben oder Jahrzehnte oder Minuten?
Wie oft muss eine Entschuldigung
wiederholt werden als Bestätigung
wahrer Reue? Als Entschädigung.
Oder hat eine Wunde kein Ablaufdatum?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SICH VERZEIHEN

Waren wir uns je ähnlich?
Waren wir je unterschiedlich?
Gleich und gleich bekämpft sich gern
Wir sind uns nah, wir sind uns fern
Wie da ein Stein und da ein Stern
die doch dasselbe sind in ihrem Kern.
Wunden, tief, sind nicht unverzeihlich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WUNDEN BRAUCHEN ZEIT

Ich sah heute einen Mann in Schmerzen
Und bei allem Tröstenden, das ich sprach,
Nahm er es auch Trost suchend zu Herzen,
Ließ sein Leiden trotzdem nicht nach.

Wunden, wie alle anderen Lebewesen,
Brauchen und wollen ihre Zeit voll haben.
Kein Mensch, niemals, kann früher genesen
Als die Frist die ihm seine Wunden gaben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MORGENHERZ

Vorfreude und ich weiß nicht worauf –
Kopf blank, Herz gut drauf –
Lächeln und Schmunzeln abwechselnd
spannen sich im Wettlauf miteinander auf.

Irgendwo in seinem sturen Herzen
hört der Winter den Frühling scherzen –
Hoffnung und Heilung abwechselnd
bewegen sich in meinen Schmerzen aufeinander zu.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERUNSICHERT UND HOFFNUNGSVOLL

Vertrauen
genug um mich zu trauen
aufzutauen
und zu vertrauen

Wenn Kokon meine Welt ist
und Schmetterling mein unklarer Traum
wie komme ich ohne Aussicht
auf den Gedanken „mehr Raum“ ?

Wann merke ich, daß das Ende
nur eine Grenze ist, die fallen kann?
Die ich öffnen kann dem Fremden,
denn er bietet mir seine Hand an.

Menschenfarben, von denen
ich seit gestern Ablehnung gewohnt bin
marschieren heute für mich in Tränen
rufend Black Lives Matter. Ist Echtes drin?

Es verunsichert und verwirrt mich.
Nervös warte ich auf morgen –
bereit, mich zu verlassen wieder nur auf mich –
bereit auch, neuen Wegen zu folgen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER HEILENDE KAMPFGEIST

Es gibt eine Wunde
Sie heilt vermutlich von Innen
Aber sie heilt und heilt sehr zögernd
Doch die Heilung wird gewinnen.

Kampfgeist.
Ich will Euch nicht zurück hassen,
Dadurch ist mein täglicher Kampf nicht
Gegen Religionen, Stände oder Rassen.

Nicht gegen andere Menschen.
Kampfgeist ist Selbstringen.
Selbstbeherrschung. Selbstüberwindung.
Es wird mir heute Nacht gelingen,

Die Nacht zu lieben,
Sie dazu zu bringen, sich fallen zu lassen
Und der Tag, den wir zeugen werden,
Wird nie lernen, zu hassen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ELTERN SEIN

Wenn Dein Kind erkrankt
Stirbst Du
Und wenn er dabei Dich anlächelt
Wirst Du neugeboren
Und fühlst Dich gleichzeitig
Machtlos und verloren.

Ein Tod nach dem anderen
Merken wir
Wie wir langsam altern…
Ein Lächeln nach dem anderen
Erleben wir
Wir sind wirklich ihre Eltern.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung