HÖRT KEINER MEINE STIMME

Bin ich hier
Oder bin ich nicht?
Bin ich Teil von etwas
Ohne Angesicht?
Und wenn ich sag Hallo
Sag mir, stör ich Dich?
Und wenn ich fehle,
Vermisst Du mich?

Hört keiner meine Stimme?
Hört keiner, wenn ich schrei:
Ich bin hier!
Hört keiner meine Stimme?
Bin ich alleine hier?

Heimatlos
Das Land ist groß
Groß genug
Um zu verschwinden –
Hört keiner meine Stimme
Wird keiner mich finden.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

AUF DER DURCHREISE

Es fällt mir schwer, offen zu bitten
Zu sagen, ich bin Einwanderer, bitte helft mir
Weil ich hilfsbedürftig bin, bitte akzeptiert mich
Denn ich wurde zurückgestoßen und bin leer
Aber nicht so leer, daß ich ohne Stolz bin
Weil ich voll bin mit der Frage nach meines Lebens Sinn.

Mit dem Stolz wandert die Scham einher
Wer will denn Träger einer gefallenen Kultur sein?
Wer will bemitleidet und geduldet werden?
Und geächtet, ausgewichen subtil und fein?
Aber zu stolz sein, es laut zu beklagen
Vor lauter Scham vor seines eigenen Volkes Versagen.

Wer klagt ist schwach; wer nicht klagt, wird geschwächt
Macht ist das Instrument der machtlosen Richter
Dankbarkeit fällt leicht, wenn es schwer ist
Und schwer wenn leicht, aber ich bin ein Dichter
Und anstatt zu sagen, daß ich Einwanderer bin
Sage ich ehrlich stolz, daß ich ein Wanderer bin.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HEIMATLOS

Wo hast Du die Verbindung zu Dir verloren?
Gefühlt warst Du noch gar nicht geboren
Am Anfang war es Dir nicht bewußt
Jetzt suchst Du nach dem Moment des Verlusts
Dieser Empfindung des Zuhause-Seins
Weder Deins noch seins noch meins ist meins
Und Du sitzst lang vor diesem Wort heimatlos
Und verlässt irgendwann wieder den Ort wortlos.

– Che Chidi Chukwumerije.