KLEINE DINGE

Kleine Dinge
mit Herz und Hand gemacht
und sie fügen sich
wie Ringe
zur Lichterkette der Weihen Nacht
irdisch und geistig.

Wie jede kleine gute Tat
für Mensch oder Tier
für Natur oder Stadt
aus tiefstem inneren Gespür –
Auch wenn Du nichts dafür bekommst –
Es war nicht umsonst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HERZ-KOPF-INTERNET

Ich stieg heute
kurz
aus meinem Geist
in meinen Verstand und merkte sogleich
daß der Kopf Jahrelang Pläne gemacht hat
die keinerlei Bezug hatten
zu dem tatsächlichen Verlangen in der Seele.

Das Gehirn ist so realitätsfern.
Hat keine Ahnung, was im Herzen los ist.
Was ich wirklich will
Wer ich wirklich bin
Tief in mir

Wie zwei Menschen
in zwei unterschiedlichen Ländern
ohne Internetverbindung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HERZENSMENSCHEN

Manch ein Mensch
wandert lang
auf verschlungenen Wegen
über Berge und Täler,
Gefühlsschlünde
Empfindungsflüsse
Gedankenwälder,
macht geduldig die schmerzvolle
Reise aus Deinem Herzen in Deinen Kopf,
nicht wissend, ob Dein Herz
ihn vergessen haben wird, wenn er
endlich, plötzlich
in Deinen Gedanken auftaucht.

Überrascht, erstaunt, vielleicht
ein bisschen verunsichert
starrst Du ihn an,
vielleicht ein bißchen überglücklich
betrachtest Du sein Walten in Deinem Kopf,
wunderst Dich wie das sein kann,
daß ein Mensch so lang in Deinem Herzen
unbemerkt leben kann, Wurzeln schlagen,
und dann eines Tages, wie ein Baum,
in Deinen Kopf hinaufwachsen
und taucht wie ein alter Gedanken auf,
– Verwundert denkst Du nur:
Wie tief ist das Herz, wie weit, und geheimnisvoll.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HERZ-KANNIBAL

Ich esse Herzen
am besten blutig
am liebsten warm
Ich habe mich noch nie verschluckt

Früher habe ich
wild und hastig
rum gekaut
und die Hälfte wieder ausgespuckt

Jetzt verinnerliche ich
inbrünstig, durstig
langsam lang kauend,
die Gesichter ewiglich auf meine Erinnerung gedruckt

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN STINK NORMALER ABEND

Kinderstimmen wie Straßenschilder
Ihr Lachen wie Laternen in der Nacht
Ihre Augen spiegeln vergessene Bilder
aus meiner Vergangenheit aufgewacht

Auch ich habe einst so glücklich gespielt
mit einem Bruder – der lebt nicht mehr.
Im Wirbelsturm der Erinnerung aufgewühlt
wird mir das Schwere leicht und das Leichte schwer.

Der heutige Abend ist so stink normal
Ihr werdet ihn wahrscheinlich vergessen –
Und doch ist Normal dafür ideal,
zu bleiben für immer unvergessen.

Ein Wort wird reichen, oder ein Lied
Ein Lachen, ein Geruch, der Euch mit uns verband –
Nach dem Euer Elternpaar lang verschied
und dieser Alltag für immer verschwand.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KREATIVITÄT

Der Mensch wurde nicht zum Fliegen gemacht
Dennoch fliegt er –
Also wurde er doch zum Fliegen gemacht?

Wieviele Wunder werden noch vollbracht?
Wieviele Gedanken wurden noch nicht mal gedacht?
Wo der Verstand zweifelte, hat der Geist gelacht –
Denn immer siegt er.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EWIGES GEDÄCHTNIS

Und das Herz ist ein bodenloses Faß
Das sich erinnert an alles, was der Kopf vergaß
Und sein Gedächtnis trägt in seinem Ausmaß
Die Grenzen von Schmerz und Freude, von Liebe und Haß
In der täglichen Grenzenlosigkeit
Von Zeit gegenwärtig in aller Ewigkeit.
Mein kleines Herz – und eng, und tief, und weit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ES WAR EINMAL EIN LÄCHELN

Es war einmal ein Lächeln
Ungeschützte Fackel im Sturm
Tapfer lächelnd dennoch, warm.

Der erste, der auf es schoss
War wegen seiner Andersart erbost
Schloss das Herz vor Gewissen, Schmerz.

Die zweite, die schoss aus Rache
Denn sie rief es mit einem Locklachen
Es erwiderte, wich, mit nem Lächeln zurück.

Die nächsten, die hassten das Lächeln
Einfach so. Liebten nur Macht.
Lächeln war gedacht als Machtspielchen

Locklächeln als Mittel zum Endziel
Auch der Hass kann lächeln, kalt und viel
Der Griff ist kalt. Der Topf wut-heiß.

Doch alle unterschätzen das Lächeln
Das echte, starke, warme, menschliche.
Letztes Lebenszeichen der Geistesfackel

Es wird sich diesmal wehren.
Als letzter Überlebender Gestern‘s Lehren
Wird es anstecken, und sich vermehren.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung