DEINE LEBENSZEIT

Das Erdenleben,
egal wie lang, ist immer kurz.
Wohl dem,
der es zum Leben benutzt.

Du nennst einen Kriminell
doch sein Herz ist auf dem rechten Fleck -
Eine Prostituierte ist voller Güte
doch Du bezeichnest sie als Dreck.

Ein Drogenabhängiger sucht etwas -
Hast Du Dich schonmal gefragt, was?
Ein psychisch Verstörter fand etwas,
unklar, verstörend, durch Nebel und Glas.

Armut ist keine Charaktereigenschaft,
Du kannst dennoch wie ein Stern leuchten.
Flüchtlinge brauchen in Deinem Land,
was Du in ihrem Land bräuchtest.

Was empfindet der Obdachlose
am ersten Tag seiner Obdachlosigkeit?
Nicht viel trennt Menschen voneinander,
mittels der Mittellosigkeit.

Einsamkeit, Lügen und Gewalt
oder Mitgefühl, Mut und Freiheit -
Alle weinen im Geheimen. Leb auf, Kind:
Deine Lebenszeit, das ist Deine Zeit.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EXKLUSIVITÄT

Die Sehnsucht danach, die einzige zu sein.
Die Sehnsucht, danach die einzige zu sein.

Das Sehnen sucht, verunsichert.
Das Suchen sehnt sich nach Sicherheit -
doch die Sicherheit wurde durchlöchert
durch das Bedürfnis nach Freiheit.
Denn die Freiheit wurde angereichert
durch den Drang zur Wahrhaftigkeit.

Wie kannst Du haben,
was Du nicht haben kannst?
Egal wie häufig Ihr zusammen
lacht und schweigt und tanzt.
Und Du musst die Sehnsucht tragen
mit ein bisschen Hoffnung und ein bisschen Angst.

Die Sehnsucht danach, der einzige zu sein.
Die Sehnsucht, danach der einzige zu sein.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER FLÜCHTLING

Während er von Grenzpolizei
zu Grenzpolizei flüchtete, brauchte er
eine innere Heimat – am Anfang war die Hoffnung
sein Fluchthafen, aber als sie nach und nach
im Wirrsal der Ablehnung und Beleidigung
langsam umgestülpt wurde,
wuchs Erinnerung zur Herzscholle,
auf der er heimatlich wohnte, jedes Mal,
wenn er die Augen schloss.

Wie durch eine Lorgnette
aus der Ferne erblickte er die Sippschaft,
drollig, imponierend, … entrückt, abstrakt,
referierend fast über eine verlorene Welt.
Das Kind in seinem Herzen kannte sie,
er aber nicht mehr. Er wischte
die nassen Schuppen von seinen Augen
und pflügte voran wie ein Fischkutter
in kalten Gewässern – wahrlich Heimatlos.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MORGENHERZ

Vorfreude und ich weiß nicht worauf –
Kopf blank, Herz gut drauf –
Lächeln und Schmunzeln abwechselnd
spannen sich im Wettlauf miteinander auf.

Irgendwo in seinem sturen Herzen
hört der Winter den Frühling scherzen –
Hoffnung und Heilung abwechselnd
bewegen sich in meinen Schmerzen aufeinander zu.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RÜCKFAHRT AUS TIROL

Der Weg ergibt sich aus dem Nebel
Tirol entkleidet sich schnell
entzieht sich dem feuchten Dunst
zwischen seinen Bergen
gibt den Weg frei, eine lange Schlange
und wendet sich unermüdlich
aus der Feier heraus, zurück ins Alte,
voran ins Neue.

Neben mir ein Fluss, der immer in ist,
nimmer out. Die Sonne erscheint zögernd,
es ist eine Wintersonne.
Langsam fallen die Berge zurück,
die Enge weitet sich, und
es liegt eine offene Welt wieder vor mir…
Mit Heimkehr steigt die Reiselust.
Mit Älterwerden, siehe, die jugendliche Lust.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SOLIDARITÄT

Manche haben alles verloren,
Hab und Gut und Erdenleben –
Jetzt schlägt die Stunde der Menschlichkeit,
damit sie die Hoffnung auch nicht verlieren.

Einige spenden Geld,
einige helfen mit Zeit und Tat.
Ein ehrlich sorgendes Herz ist alles,
was manch ein anderer hat.

Stunde des Missgeschicks
ist Stunde der Menschlichkeit –
Was der Schmerz uns genommen,
möge die Hoffnung uns zurückgeben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS WIR WIEDERBELEBEN

Baum Klassismus
Frucht Rassismus
Wurzel Eitelkeit
Gewässert von der geistigen Trägheit

Täterschaft
Untrennbar von der Untätigkeit
Der Freundschaftsgruß
Untrennbar von dem Verräterkuss

Verraten wurde die Menschheit
In Dir in mir das gekreuzigte Wir
Wiederauferstehen will die Menschlichkeit
Denn unser Grab, siehe: es ist leer.

Sieg der Hoffnung ist es,
wenn der Mut zum Mutmachen mutig bleibt,
wenn der Mut zum Mundaufmachen wiederaufersteht,
wenn der Mut zur Solidarität ewig lebt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TAUZIEHEN

Der Winter taut sporadisch
wie ein verrückter Mann im Selbstgespräch mit seinen Träumen
Und weiß nicht, ob vor oder zurück –

Opportunistisch hockt der Frühling
im Hintergrund und wartet …
Atemzug um Atemzug wartet er
auf seine Gelegenheit, zu zu schlagen

Hin und her taumelt die Welt
zwischen Kampf und Versöhnung
zwischen Akzeptanz und Ablehnung
Zwischen Verzweiflung und Hoffnung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZAUBER GEHT WEITER

Der letzte Tag des Jahres
Gern möcht ich denken, das war es
Doch ich weiß es besser, sicher
geht es weiter, nur ungewöhnlicher
als im scheidenden Jahr es schon war
Pandora‘s Buchse wurde geöffnet, fürwahr
Drum musst auch Du Dein Herz öffnen
Und Dich mit geistiger Zauberkraft bewaffnen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung