UNERFÜLLT

Ich muss allerdings gestehen
Es fällt mir heute nichts ein
Ich habe nichts Neues gesehen
War den ganzen Tag allein
Nicht ich der Mensch äußerer Gesichter -
Sondern ich der innere Dichter.

Wie ein Ich in meinem Ich saß ich
Und sah mich vieles machen
Manchmal ernst, manchmal spaßig
Unterwegs mit meinen sieben Sachen -
Und ich merkte nicht, daß ich mich beobachtete,
Bis der Abend dämmerte und ich erwachte.

So wenig leben wir, während wir leben,
Das lebendige Ich versteckt sich.
So wenig geben wir, wenn wir geben.
Das lebendige Ich entdeckt sich
erst am Ende seiner langen Lebensreise -
Ein Junge unerfüllt im sterbenden Greise.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS ANDERE UFER

Silbrig wie ein Spiegel
lag und lauschte der Fluß da
regungslos wie ein unerfüllter Traum
verschwand er in die Ferne
und war immer noch da

Eine Nebelwolke schwamm über das Wasser
wie eine Armee von Laufboten
nur verstand ich ihr Geflüster nicht
bis sie seufzend sich löste und ich sah
auf dem anderen Ufer mein zweites Ich.

Ich sprach zu mir
doch ich hörte mich nicht
von der anderen Seite des Flusses –
Wir starrten uns wortlos an, ich und ich,
getrennt durch unerfüllte Träume.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE SELBEN AKTEURE

Was hat ein Politiker
in der Welt der Poesie zu suchen?
Dichter erzählen ja für gewöhnlich die nackte Wahrheit.

Was hat ein Musiker
in der Welt der Wirtschaft zu suchen?
Ökonomen interessieren sich für Dein Geld,
nicht für Deine Seele.

Was hat der Otto Normalbürger
In der Welt von Entscheidungsträgern zu suchen?
Sie denken
Sie hören ja nur auf Lobbyisten.

Bis ich genauer hinsah
und sah: Es war die ganze Zeit
der selbe Mensch, mal im Anzug,
mal in Jogginghose, mal als Frau, mal als Mann,
Mal als Ausländer, mal als Einheimischer,
Mal als Wahrhaftiger, mal als Lügner.
Ich sah die ganze Gesellschaft in Dir
Und Dich in jedem Fremden auf der Straße.
Und die Stadt war mir vertraut.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SELBSTGESPRÄCHE MIT DER INNEREN STIMME

Nach dem
kein Sieg ewig blieb
der mich häutig rieb

Nach dem
jeder mich verließ
der einst war mir Paradies

Nach dem
ich mitten in Geborgenheit
und Liebe erlebte tiefe Einsamkeit

habe ich gelernt
das abendliche Gespräch zu schätzen
mit mir selbst, von der Welt entfernt.
Der mich nie verlassen noch verletzen
noch fallen lassen wird,
mit mir lebt und liebt und leidet und stirbt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

LEBEND-ICH

Wie kann ein Leben
So viele Leben
Unterschiedliche Leben
Verschiedenartige Leben
In sich beinhalten?

Ein Leben
Ist niemals ein Leben
Ist vielmals einleben
In ein Erlebnis nach dem anderen
Ausleben und überleben

Leben ist erleben.
Ich war da, in meiner Kindheit
Ich war da, in meiner Jugend
Ich war da, in tausend Realitäten
Die sich alle von einander unterscheiden.

Was ist ein “Ich”?
Ein Etwas, das tausend Leben
In einem Leben und ein Leben
In tausend Leben durchlebt,
Sich verändert und unverändert bleibt.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DIE ICH-GRENZE

Die Ich-Sonne
Im Zentrum des Ich-Sonnensystems
In mitten der Ich-Galaxie
Im Herzen des Ich-Universums

Diese Ich-Sterne
Mit nach Intern gerichteter Schwerkraft
Verbiegen die Aussicht aufs Externe
Beziehen alles auf die eigene Eigenschaft

Es fällt ihnen schwer
Zu begreifen, zu akzeptieren, zu glauben,
Daß manche Menschen einfach mehr
Können, als sie selber vermögen.

Ich-All
Ist nimmer Licht-All.
Ergo: Egotrip, der Ich-Knall
Ist eher Dimmer des Licht-Alls,
Et al, et al.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

MEIN NEUER FREUND

Freundschaft
Ich machte unlängst eine neue
Bekanntschaft
Und genoß mehrmals täglich seine
Gesellschaft
Er teilte mit mir meine jede
Leidenschaft
Bewies aber auch die ungetrübte
Eigenschaft
Mich zu spiegeln durch seine zarte
Gegnerschaft
Mir gegenüber.

Und er sah so aus, wie ich
Und zeigte mir einen anderen mich
Denn ich hatte mich als Freund entdeckt
Und gewonnen und behütet wieder versteckt
Als wäre Zeit Ort und Ort Zeit
In den Zwischenmomenten meiner Alleinigkeit
Euch gegenüber.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

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STEHEN

Ich ziehe auf mich
Tatsächlich noch Blicke
Verschiedenartigen Inhaltes
An denen ich ersticke

Sauerstoffmaske
Läßt mich noch grotesker aussehen
Doch Opferrollen
Sind mir fremder als mein Aussehen

Man steht, wenn man geht
Man geht, wenn man steht
Man gewinnt, wenn man verliert
So lange man sich nicht verliert

Und Achtung wird angezogen
Nicht anerzogen, sondern geweckt
Denn mein Geist war ausgezogen
Und stark zu werden ist mein Zweck.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung