DICH KENNEN

Kennst Du –
Wenn Du weißt, was Kennen ist –
jenes undeutliche
eigentlich uneindeutige
und deshalb unartikulierbare Gefühl,
etwas nicht zu kennen, was Du kennst?

Ein Familienmitglied,
mit dem Du groß geworden bist –
Einen Partner,
mit dem Du alt geworden bist –
Ein Volk, in dem Du geboren und sozialisiert
oder mit dem Du eng geworden bist –

Am Merkwürdigsten ist es aber
wenn das, was Du kennst
und nicht kennst,
Du selbst bist.
Wenn Du weißt, was Kennen ist,
kennst Du das.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KEINE LIEBE ZUM HASS

Wer ist glücklicher?
Der seinen Freund kennt
oder der seinen Feind erkennt?

Wer ist unglücklicher?
Der seinen Freund nicht kennt
oder der seinen Feind nicht erkennt?

Der Mensch weiß nicht, was Haß ist
bis er versteht,
daß der für immer besteht,
nie weg geht.

Nur die Liebe kann den Haß bezwingen
aber nicht in dem, daß sie ihn befreundet.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

Tagebuch 16: SELBSTBILDER

Es liegt bestimmt in der Luft, und ist geladen. Wie Funken springt es von Docht zu Docht und es schießt aus jedem Munde eine Flammenzunge heraus.

Wie letzte Woche, als meine Frau und unsere zwei Kinder zusammen mit ihrer aus Eritrea stammenden Freundin Tigi und deren drei Kindern in IKEA einkaufen waren. Die waren schon fertig und ruhten sich, vor der Heimfahrt, beim Imbiss hinter der Theke, da in der Nähe der Kinderspielecke, aus. Eine einst lebhafte, nun müde gewordene und trotzdem gutgelaunt gebliebene Truppe saßen an einem Tisch voller Eis, Getränke und Gebäck, Kinderstimmen und sieben Herzen.

Auf einmal stand ein Mädchen neben ihrem Tisch, ungefähr so groß wie meine Tochter aber bestimmt ein oder zwei Jahre älter. Auf acht schätzt es meine Frau, die zusammen mit Tigi und den Kindern das Mädchen neugierig anschauen.

Seine hellen grün-grauen Augen sind groß, offen, direkt, ehrlich. Genau wie die Worte, die aus seinem Mund kommen. Eine Frage, an Tigi und an alle fünf Kinder gerichtet:

„Seid Ihr Flüchtlinge?“

Die zwei erwachsenen Frauen, eine deutsch, die andere eritreanisch, fahren vor Entsetzen fast aus dem Hocker. Sie glauben nicht, was sie gerade gehört haben. Ihnen versagt kurz die Sprache.

Nicht aber meiner Tochter. Überrascht schaut sie das Mädchen an und antwortet genau so offen, direkt, ehrlich:

„Nein, sind wir nicht. – – – Bist Du einer?“

Verwirrt scheint das Mädchen über die Gegenfrage zu rätseln. Schließlich schüttelt auch es den kleinen dunkel-blond gelockten Kopf, sagt Nein, gesellt sich ohne Weiteres zu den Kindern und setzt an, mit ihnen Kind zu sein.

Bis nach einer Weile seine Eltern auftauchen und es sich von dem Tisch wieder löst und zu ihnen geht…

Zurück… in die Zukunft oder in die Vergangenheit?

Kurz bevor sie Richtung Ausgang verschwindet, dreht sie sich um und winkt. Die Kinder winken zurück.

– Che Chidi Chukwumerije.

Tagebuch 15: ANDERSRUM

OMEN

Manchmal liege ich namenlos da und weiß nicht, wer ich bin. Und bin glücklich.

Ich rufe mir alle Namen ins Gedächtnis, die ich jemals hieß oder noch heiße, im Spaß und im Ernst, doch – merkwürdig – keiner von ihnen trifft zu.

Ich habe mich daran gewöhnt, mich an meinen eigenen Namen nicht mehr erinnern zu können.

Vielleicht habe ich dadurch die Möglichkeit, wirklich Ich zu werden, Ich zu sein, mich (wieder) zu finden und zu erkennen – nicht im Namen nur, sondern tatsächlich im Wirken.

– Che Chidi Chukwumerije.