MORGEN VIEL LEICHT

Ich spüre den Morgen in der Luft
aber er ist nirgend in Sicht,
ich finde ihn nicht.

So wie ich Dich in mir spüre
und finde Dich nicht,
meinen Sonnenschein, mein Licht.

Doch es schwebt schon der Morgenduft;
Ob aus Passion oder aus Pflicht
zeigt der Morgen täglich sein Gesicht.

Du aber schreitest nie durch die Türe
in meinem inneren Dickicht –
außer ab und zu als Gedicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ORAKEL

Du brauchst
die Pausen
zwischen
den Unterhaltungen

In den Pausen
hörst Du die Dinge im Nachhinein
die Du während der Unterhaltung
überhörtest

Ähnlich wie die Nacht
den Tag erklärt –
In der Pause
ist das Orakel zu Hause.

Schenk mir Distanz zu Deiner Nähe
Gönne mir Pausen
Du bist zu laut hier drinnen –
Ich verstehe Dich nur von da draussen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LAUTER UND IMMER LAUTER

Mein Neujahr fängt nicht mit Feuerwerk an,
sondern mit Schweigen und innerem Glockenklang –
lauter in meinem Ohr als jeder Gesang –

nicht mit Feiern und Lachen und Reden,
sondern mit Nachdenken und Sinnen –
das, womit ernste Dinge immer beginnen.

Denn die Welt wird lauter und immer lauter,
und Jahr für Jahr frage ich mich subtil,
was sie wohl übertönen will.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SELBSTGESPRÄCHE

Diese Gespräche abends
mit Erinnerungen in meinem Herzen
mit Hoffnungen, mit Sehnsüchten,
mit Reue und Nachdenken und Schmerzen.

Gespräche mit toten Freunden
mit Vorstellungen und Möglichkeiten
mit ner leeren Leere in Deiner Mitte
mit alternativen Selbstdarstellungen

mit Menschen, die weit weg sind
mit Träumen, die nie weg waren
mit dichten Gedanken und losen Empfindungen
Diese abendlichen Selbstgespräche

Für sie lohnt es sich, zu leiden
zu lieben, zu leben, zu verlieren –
Denn in diesen Momenten hörst Du,
hervorgelockt, Deine innere Stimme.

Che Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER INNERE ADVENT

Nie war der Hass so widerlich
so leicht zu erkennen
als wenn er mit Lachen und Lächeln
sich plump zu verschleiern suchte

Nie war die Liebe so tief
so schwer zu erkennen
als wenn sie mit Wahrheit und Strenge
das zarte Gute beschützte

Denn nur das innere Auge erkennt
hinter dem Seelenfenster
das Herz, in dem der wahre Advent
wie eine kleine warme Kerze
ruhig und lautlos brennt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HERZ-KOPF-INTERNET

Ich stieg heute
kurz
aus meinem Geist
in meinen Verstand und merkte sogleich
daß der Kopf Jahrelang Pläne gemacht hat
die keinerlei Bezug hatten
zu dem tatsächlichen Verlangen in der Seele.

Das Gehirn ist so realitätsfern.
Hat keine Ahnung, was im Herzen los ist.
Was ich wirklich will
Wer ich wirklich bin
Tief in mir

Wie zwei Menschen
in zwei unterschiedlichen Ländern
ohne Internetverbindung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHÄTZE

Ein fernes Land ist irgendjemandem nah,
sagen die Igbo, ein fernes Volk.
Dein häufigster Gedanke ist jemandem rar –
ihn zu denken, wäre ihm ein Erfolg.

Lärmig ist die Welt geworden,
bunt, gesprächig und digitalisiert.
Teurer ist Deine innere Stimme geworden –
Wann hast Du sie zuletzt gehört?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FLUGZEIT

Wie tief ist das Loch
in dem wir seit der Geburt fallen?
Und fallen und fallen
und fallen und fallen –
Zwischen dessen grauen Wänden
unsere Träume hallen und nachhallen?
Die Echoes, wenn sie uns erreichen,
siehe, die sind scharfe Krallen!
Und wir fallen und fallen
und fallen und fallen
Bis zum Moment, an dem
wir gegen die Erkenntnis prallen,
daß wir die ganze Zeit Flügel hatten…
kurz bevor wir auf den Boden knallen!!
Oder nicht.
Spannt Eure Schwingen, hebt ab –
Adler. Tauben. Raben. Rallen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung