Man sagt, das Jahr nimmt Abschied, man hört es in jedem Weihnachtslied, atmet es im wehmütigen Duft ein und sieht es im Kerzenlichtlein. Man ahnt, es ist nicht nur das Jahr, das geht; es geht auch die Unschuld, die nur Gutes versteht; es geht und vergeht kindliches Vertrauen an Liebe, und durchblickende Härte ist alles, was verbliebe. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
Jahresende
DIE LETZTEN TAGE DES JAHRES
Fünf Tage sind viel Denk nicht, daß es schon vorbei ist Zeit ist nur ein Bei-spiel Abgelaufen ist noch nicht die Frist Dein Jahr könnte noch urplötzlich eine neue Wendung erhalten. Letzte Momente tun bekanntlich Überraschungen enthalten. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DEMUT
Hast Du dieses Jahr irgendjemandem Deine Wahrheit gesagt? Irgendjemanden nach seiner Wahrheit gefragt? Bald geht das Jahr zu Ende. Was habe ich gelernt? Es ist schwer, das Höchste auszuleben; denn es ist schwerer, daß Du falsch lagst zuzugeben als dran zu halten bis zum Ende. Demut. Ein kleines Wort, ein hoher Berg. Erst auf der anderen Seite dieses Bergs erwartet uns, uns zum Geleite, das Wissen zur wahren Zeitenwende. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
KALTES DEZEMBERENDE
Der Schal, dicker, enger angebunden; Mein Hals, der im Sommer die Lüfte liebt, versteckt sich in diesen Winterstunden vor beißenden Zähnen, scharfen Zungen fremder Durchreisenden einst geliebt. Unbeliebte Zitterpartie. Mit eisigen Händen umfassen sie mich in nebligem Würgegriff. Ich höre, sehe unscharf das Jahr enden. Ich rieche, ich schmecke weiche Lenden. Schnee brächte jetzt den letzten Feinschliff. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ZWEITER SCHNEEVERSUCH
Ein bißchen Schnee
Wie aus Versehen ausgerutscht
Von himmlischer Hand
Und den langen luftigen Weg bis zur Erde
Herunter geirrt, schwebend
Winzige einzelne Schneeflösklein
In der Luft jedes für sich allein
Den eigenen Weg suchend, bahnend
Bis sie alle die Erde berühren
Und dort einander wiedertreffen
Zum ersten Mal
Seit dem sie ihre Heimat verließen
Und zum letzten Mal bevor sie verschmelzen…
Ein schöner leiser Vormittag
Besänftigt und geweicht vom
Zweiten Schneeversuch des Jahres Ende
Eingeweiht mit Weihrauchkörnchen
Die das Bild der vorbeifließenden Autos verlangsamen
Und deren Murmeln nach und nach dämpfen
Still muß es langsam werden
Denn die Heilige Nacht kehrt bald zurück.
In der Stadt und auf dem Lande
Im Berge und Dorf, im Büro und Zuhause
Im Auto und Zug und Flugzeug
Und im einsamen Boot bei der letzten Segelfahrt
In mir und in Dir
Im Wald und drüben im Park
Überall, wo es Mensch und Tier gibt
Heben alle die Augen kurz hoch
Und reden lautlos mit dem zweiten Schnee –
Ob er liegen bleiben wird,
Im Gegensatz zum Ersten, Vergessenen, Verschwundenen
Von Vorvorgestern…
Still sollte es ja langsam werden
Denn die Heilige Nacht ist bald mit uns.
– Che Chidi Chukwumerije
