SCHULDEMPFINDEN

Er ging täglich die Treppe auf und ab
Ein Nachbar sagte, er käme aus dem Grab
Weil er jemandem noch nicht vergab

Ach Quatsch!, er ist aus Fleisch und Blut
Sagte ich überzeugt, es geht ihm gut
Er ist nur Einzelgänger, doch ohne Wut

Ein paar Tage später im Treppenflur
Grüßten wir uns wie immer durch Nicken nur
Von Geisterhaftem an ihm keine Spur

Ich lächelte und gab ihm meine Hand
Er gab mir auch seine, doch es fand
Kein Kontakt statt. Ich traf die Wand!

„Also bist Du doch ein toter Geist!“
„Geist bin ich gewiß, wie Du es heißt,
doch sehr lebendig – wie Dein Auge beweist!

Und Geist bist Du auch, nur hast Du noch
die irdische Hülle, ich nicht, und doch
ringen wir beide unterm selben Joch!“

„Warum kommst immer zu diesen Treppen?“
„Ich möchte den treffen und mich entschuldigen,
den ich mal ermordete auf diesen Treppen.“

Che Chidi Chukwumerije (17.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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REAL GEISTIG

Vor lauter Realpolitik geblendet
Wird die Frage nach der Herkunft
Rückwärts Richtung Vergangenheit angewendet
Anstatt wechselwirkend Richtung Zukunft

Wo ließen Deine Ahnen sich nieder?
Grübelst Du darüber, bis Du verdirbst?
Du kommst von da, wo Du wieder
Hin gehen wirst, wenn Du stirbst

Der Geist wird in der Moderne oft vergessen
In mitten von Nationen, Kulturen und Rassen
Der Verstand ist raumgreifend und alteingesessen
Der Mensch als Geist außen vor gelassen

Vor lauter Realpolitik starr geworden
Suchen wir hartnäckig, uneinig und blind
Unsere Heimat in allem Möglichen auf Erden
Außer in dem, was wir wirklich sind.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

JENSEITS DER GEDANKEN

Deine Gedanken waren
Dir mal fremd
Fremde Gedanken scharen
Sich um Dich –

Schickst Du einen fassbaren
Gedanken Samen aus
Halten sie sich fest und fahren
In Dich ein

Ungehört doch gespürt garen
Sie in Dir
Nehmen Einfluss auf Dein Gebaren
Und weiteres Denken.

Hör auf Dein Herz und Gewissen, Mensch
Tiefer, auf Dein geistiges Lichtempfinden –
Nicht alle Gedanken sind blind zu folgen.
Versuch, die Innere Stimme mit einzubinden.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

TROTZ ENTTÄUSCHUNG WEITERLEBEN

Am Tag nach seinem Tode
Wachte auf im Jenseits die Seele
Blickte auf seinen alten Körper
Und den daneben trauernden Bruder

Am Tage nach seines Bruders Unfall
Wachte der Hinterbliebene im Leichensaal
Blickte auf seines Bruders Leiche
Und ahnte nicht die daneben trauernde Seele
Die neben ihm wachte
Und ihn mit Schmerzen im Herzen beobachtete

Und beide sannen
Über alles, was sie noch gemeinsam
Vorgehabt hatten…
Jetzt vorbei

Und beide empfanden im Geiste
Die Wucht ihrer starken Liebe
Zu einander…
Ungeschwächt

Und beide erinnerten sich
Schmerzlich
An den Moment, den Fehler, den Unfall
Der zu dem Tod geführt hat
Und wenn sie es nur könnten, egal
Wie, würden sie alles rückgängig
Machen – leider unmöglich

Nun blickten beide auf den leblosen Körper
Wie auf eine Schwelle, eine Grenze,
Ein geschlossenes Tor in eine verpasste
Und verlorene Möglichkeit…
Eine Chance vertan.

Dann fassten sie Mut
Ertrugen den Schmerz
Drehten sich um
Herz ewig verbunden mit Herz
Und mit Liebe als ewiger Leiter
Gingen sie voller Hoffnung und Sorgen
Jeder mit seinem Leben weiter,
Weiser geworden.
Che Chidi Chukwumerije

Fortgesetzt in GEFÜHLE

2019: Das Jahr der deutschen Dichtung