SEHNSUCHT VERWALTEN

Sehnsucht verwalten unsichtbar
Lachen behalten im Herz unvernichtbar
Vom endgültigen Verzagen unantastbar
Und niemals altern

Verlust ertragen und wieder aufleben
Liebe ver-geben und erneut vergeben
Nach Unerklärlichem lebenslange streben
Und niemals altern

Jede Lebensphase genießen tief
Krabbelnd, träumend, aufrecht und schief –
Binden locker und binden intensiv
Und egal wie das Leben windend verlief…
Niemals altern.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RÜCKFAHRT AUS TIROL

Der Weg ergibt sich aus dem Nebel
Tirol entkleidet sich schnell
entzieht sich dem feuchten Dunst
zwischen seinen Bergen
gibt den Weg frei, eine lange Schlange
und wendet sich unermüdlich
aus der Feier heraus, zurück ins Alte,
voran ins Neue.

Neben mir ein Fluss, der immer in ist,
nimmer out. Die Sonne erscheint zögernd,
es ist eine Wintersonne.
Langsam fallen die Berge zurück,
die Enge weitet sich, und
es liegt eine offene Welt wieder vor mir…
Mit Heimkehr steigt die Reiselust.
Mit Älterwerden, siehe, die jugendliche Lust.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GRAUE HAARE

All die Jahre waren Haare,
üppig und schön gemacht –
wurden grau und dünn und wenig
und jetzt sind sie weg

Nun steht die Zeit still
wie eine Glatze, widerspiegelt
das endlose Warten auf einen Zug,
der schon abgefahren ist.

Und die stille Zeit
wie die Stille Nacht
wird zum tiefen Meer der Erinnerung
und des Schöpfens ewiger Jugend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

JÜNGLICH ALTERN

Mein Leben rast mit Geisteseile
durch meine Jahre hindurch
und macht mich älter schneller
als ich es überhaupt fassen kann

Und atemlos, pausenlos, gedankenlos
renne ich ihm hinterher
und versuch, mich länger jünger zu halten
als ich die Jahren überhaupt noch zählen mag.

Doch einer zählt nicht mit
Amüsiert sitzt er auf meinem Rasen
und genießt die wilde Fahrt durchs Leben
und bleibt still und ruhig, mein Geist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALTER

Wenn man die Blätter zählt
Die vom Baume gefallen sind
Ist er alt…
Wenn man die Blätter zählt
Die dem Baume am Entsprießen sind
Ist er jung…

Bin ich so alt,
Wie meine Werke hinter mir?
Oder so jung
Wie die Träume in mir?
Was ist die Zeit? Was ist das Alter?
Wann beginnt und endet mein Zeitalter?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

Tagebuch eines Ausländers 10: KINDLICHKEIT

Seine Augen funkelten, während er sprach. Über die Berge. Erinnerte mich daran, wie sie alle heißen. Er lud mich zu Kaffee und Kuchen ein und wollte wissen, wie es meinen Eltern geht und ob sie ihre Augen-OPs schon hinter sich hatten. Gegenüber von uns war ein kleiner Spielplatz, wo fünf Kinder sich gegen einen kleinen Jungen verbündeten und ihn von jedem Spielapparat weg schubsten. Ein Mädchen war kurz dagegen, wurde aber von den anderen schnell zurecht gebogen. Als endlich der Junge weinend ging, fingen die fünf an, unter einander zu streiten. Schweigend beobachteten wir diese Szene. Er schüttelte den Kopf und sagte, Kinder sind noch heute so, wie sie vor achtzig Jahren waren, als ich noch eins war. Er rief das vorbeilaufende weinende Kind zu sich und wickelte es in ein Gespräch ein. Wie er es bei mir gemacht hatte, bestrahlte er das Kind mit seinen kindlich leuchtenden Augen und fragte es nach seinen Eltern, ob sein Vater den Zaun des Opas bereits repariert hatte, ob die Mutter mit dem neuen Auto noch unzufrieden sei. Er sagte dem Jungen etwas, was er vorher nicht wusste – sowohl sein Papa als auch Opa waren mal Schüler bei ihm in der alten Grundschule gewesen. Echt?, meinte der Junge und seine Augen funkelten. Wir schritten langsam alle drei über die Strasse wieder auf den Spielplatz. Er nahm eine ein Cent Münze aus dem Ohr des Rudelführers raus und ließ sie zwischen seinen verschrumpelten Fingern verschwinden. Dann suchte und fand er eine zweite Münze hinter dem Ohr eines Mädchens, die auch im Nu wieder weg war. Bald hatte er sechs Münzen gekapert, die er schließlich alle aus seinem Geldbeutel wieder herausholte. Der Kinder Augen strahlten kindlich wieder. Ich stand abseits und beobachtete die sieben Kinder mit einander spielen. Als wir wieder auf der anderen Straßenseite bei Kaffe und Kuchen saßen und die sechs unter einander beim fröhlichen Münzmagierspielchen zu schauten, grinste er und sagte, Kinder sind immer noch so, wie sie vor achtzig Jahren waren, als ich eins war. Und ich dachte zu mir, daß obwohl es Kindlichkeit heißt, manch ein Greis viel mehr davon zu besitzen scheint als manch ein Kind manchmal.

  – Che Chidi Chukwumerije.

Tagebuch 15: ANDERSRUM

Ich konnte das nicht verstehen. Ich war 14 und er war 38. Na und? Aber ihm schien das ein bedeutender Unterschied zu sein. Seine Kräfte ließen immer früh nach und ab Mitte der zweiten Runde konnte ich mit ihm machen, was ich wollte. Kopf, Brust, Bauch – meine Füße trafen ihn spielerisch. Er seinerseits traf, wenn er traf, mich niemals an den Kopf; so hoch gingen seine Beine nicht mehr. „Wart ab, bis auch Du mal fast 40 bist, dann wirst Du am eigenen Körper erleben, dass es nicht mehr so leicht ist.“ Jedes mal widersprach ich ihm. „Es ist alles in Deinem Kopf, 40 ist nichts, Du bist nur faul.“ Er schaute mich gütig an und lächelte. Insgeheim brannte ich danach, sofort 38 zu sein, um ihm und den anderen älteren meine „It’s all in your mind“ Theorie zu beweisen. Mit den anderen älteren kämpfte ich sowieso schon längst nicht mehr gerne. An den Tagen, wo keine anderen jungen Kämpfer beim Taekwondo Training waren, mied ich all jene älteren Schwarzgürtler, die ich aus Respektgründen nicht mit voller Kraft treffen konnte, durfte oder wollte, und das waren fast alle. Er dagegen kam irgendwo aus Europa und schmiss Respekt aus dem Fenster, forderte mich heraus, Vollgas zu geben. Das tat ich auch einigermaßen, so lange er mit halten konnte oder wollte – dann war’s mit ihm auch vorbei. Ich war mir mit 14 ganz sicher – mit dem Alter werden die Menschen geistig träge, die Selbstdisziplin lässt nach, mit ihr die Ehrgeiz. Niemals könnte es am Körper liegen. Jetzt bin ich 39 und muß amüsiert öfters an diese Episode zurück denken, immer wenn ich vom Thai Boxing Training im Challenge Club um die Ecke müde und schmerztrunken nach Hause laufe. Die jüngeren unter den Monstern im Club sind zwar keine 14, aber fast alle unter 25, und die hauen wie Blitz und Donner. Ich gebe mir wirklich Mühe aber spätestens in der dritten Runde können sie mit mir machen, was sie wollen. Ich glaube, ich bin faul geworden. 🙂

– Che Chidi Chukwumerije.

Tagebuch 16: SELBSTBILDER

Tagebuch 14: ÜBERALL