MENSCHSEIN VERLERNT

Alle sind irgendwie müde geworden
gleichzeitig voller Tatendrang
desillusioniert, weiser geworden –
Die Welt steht vor einem neuen Anfang

Kapitalismus wird neu definiert
Sozialismus wird zwangsrehabilitiert
Nationalsozialismus zieht sich geschickt um,
hält als Nationalkapitalismus uns für dumm

Der Nationalismus ja ringt mit sich selbst
sucht verzweifelt nach einem friedlichen Weg
sich durchzusetzen, getreu seinem Selbst
Ein Schiff, ein Hafen, kein Landungssteg

Globalisierung sehnt sich nach Lokalisierung
Eine Ehe ohne Liebe und ohne Vollziehung.
Vergessen hat der Mensch, oder nie gelernt
einfach ZU SEIN – von allen Ismen entfernt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MEIN VATER

Er nannte seinen ersten Sohn Che,
Glaubte an Marx und Sozialismus,
Verehrte aus der Ferne die DDR,
Und verpönte den Kapitalismus.

Doch die Welt würde sich verändern,
Kameraden wandten sich ab vom Kommunismus,
Che starb und Jahrzehnte später die DDR,
Geblieben ist nur der Kapitalismus.

Er sah die Globalisierung Platz nehmen,
Als Konservativ auch den Liberalismus,
Als Christ den Anstieg der Glaubenskriege,
Und die Rückkehr von Rassismus und Faschismus.

Sein geliebter Panafrikanismus fruchtete nicht
Zeitlebens; und Biafra blieb mißverstanden,
Als er im Kreis seiner Kinder nachdenklich starb,
Gottvertrauend, von vielen Menschen unverstanden.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

RÜCKKEHR DER DIKTATOREN

Vor lauter Gestalt
Wo bist Du, Inhalt?
Sollen wir jetzt Angst haben
Da die Diktatoren weltweit
Wie dunkle Wolken am Himmel
Sich zusammenziehen und verbünden?
Vor lauter unlauterer Gestalt
Inhalt, wo bleibst Du, Inhalt?

Als wir jünger waren und leichtgläubig
Waren wir alle blauäugig und blind
Durchschauten nichts, sahen nicht
Die kommende Trennung nach Gestalt
Des gehaltsschweren leeren Inhalts.
Sollen wir jetzt Angst haben
Da die Diktatoren sich gefunden haben?
Wen werden sie schützen? Wen vernichten?
Vor lauter Gestalt – – Wo bleibt Inhalt?

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung