HINTER DEN KULTUREN

Zugvögeln haben es weit
Doch nimmer so weit wie ich es hatte
Wo ich zu Euch her zog

Groß ist die Welt – und weit
Und Kulturen sind Wände
Hoch und hart, ohne Tür und Fenster

Doch genau so wie der Himmel
Kracht und lacht sein krummzackiges Lächeln
Aufgehellt für einen Augenblick

Gibt es in der Wand manchmal
Einen Riss, und ich schaute hinein
Und sah, überrascht, Menschen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

GESELLSCHAFT

Sie grüßte ihn gerne
Setzte sich jedoch gerne
Zu ihrer Art –

Er arbeitet gerne mit ihr
Feiert allerdings lieber
Mit seiner Art –

Gleich und gleich gesellt sich gern
Doch in unserem inneren Part, weich
Funkelt einsam in jedem ein Stern

Sie liegt nachts wach
Er liegt nachts wach
Und jeder sehnt sich schweigend nach
Der inneren Gleichart.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

GLEICHART

Es war sonderbar
Unter sich zu sein
Sich fremd zu fühlen
Zu wissen, ich bin allein

Die Nation bindet
Mich aber nicht
Schwarz oder weiß
Wirklich innerlich

Rassen, Sprachen, Kulturen
Geschlechter auch
Immer blieb, getrennt, zurück
Eine Empfindung im Bauch

Geistig Gleichgesinnten
Laß mich finden
Sonst lass mich immer
Den Unterschied empfinden.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

Tagebuch eines Ausländers 7: ALTERN.

Es war eine schöne luftige Fahrt. Mir war träumerisch zu Mute. Eine dieser Fahrten, wo das Auto verschwindet und man das Gefühl hat, auf einem Luftkissen durch die Natur hinweg zu schweben. Dein Körper sitzt im Auto, Deine Seele bewegt sich von Baumkrone zu Baumkrone, tanzt mit jedem betrunkenen Grashalm, beteiligt sich am Gespräch der Blumen, lauscht dem Winde, der neugierig Kontakt sucht zu Menschlichem. Jeder Atemzug war irgendwie lungentief, langsam, ein Genuss. Ich habe an nichts Bestimmtes gedacht, mein Inneres war wie ein neues Blatt einer meiner Notizbücher, ein Blatt, auf das er sich gleich drücken würde. An irgendeiner Kreuzung in irgendeinem Dorf auf der Landstrasse sah ich ihn. Ein alter schwarzer Mann. Zu europäischen Augen sähe er junger aus, als er tatsächlich war, wusste ich. Ich sah, daß er schon alt war. Langsam kehrte und reinigte er den Ort einer vorherigen Straßenreparaturenarbeit. Er war dünn, sein Rücken ein bisschen gekrümmt, Haare grauend. Seine Bewegungen und Körpersprache wirkten mechanisch, gedankenlos. Er schaute kurz hoch, als wir an der Ampel hielten. Mit Erschrockenheit sah ich die Leere, die Teilnahmslosigkeit, die Resignation in seinen Augen. Blitzartig wurde ich in meine Kindheit zurück katapultiert, zu meinem Vater. Wie oft hat er uns davor gewarnt, davon abgeraten, je in ein Fremdland zu übersiedeln? „Hier bei uns ist kein Wasser, kein Strom, keine Infrastruktur, oft keine Ordnung, keine Perspektive… und deshalb gehen die jungen Leute alle. Aber lohnt es sich wirklich? Nur wenige finden das Glück in der Fremde, denn der nötige kulturelle Kontext fehlt. Und nur wenige finden den Weg zurück. Aus jungen, hoffnungsvollen Menschen werden einst alte, verlorene, desorientierte Greise. Bleibt hier, meine Kinder, und steigt oder stürzt mit eurer Heimat.“ Ich sah in die entwurzelten Augen des alten Straßenkehrers und sah die Erinnerung an den Blick meines Vaters. Die Ampel wurde grün. Als das Auto los fuhr, unterhielten sich meine Kumpels über BVB und Bayern, während sich in meiner Seele viele Gedanken regten.

– Che Chidi Chukwumerije.