GEDÄCHTNISREGEN

Wenn es regnet
und die Straße langsam wird
und Baum Baum begegnet
so wie ich Dich gerne würd
… dann hebe ich die Straße auf
und laufe mein Gedächtnis hinauf
mit Schmerzensgeschwindigkeit
denn Du gerätst nie in Vergessenheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WASSERFLASCHE

Ich vergesse Dich nicht
Die Jahre machen Dich jünger, nicht älter
Deine ewige Jugend hält mich jung
während die Welt rauer wird und kälter

Ich trage Dich mit mir herum
wie eine Wasserflasche in der Wüste
Und wenn das letzte Tröpfchen getrunken ist
erreiche ich auch die Küste.

Lang ist die Reise und kurz
Selbst ohne Sturz oder Absturz
Rudere, rudere, rudere mein Boot
Die Hoffnung ist mein Brot.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

BLÜHENDE GÄRTEN DER FREUNDSCHAFT

Meine zwei engsten Freunde starben früh, einer mit 19, einer mit 20. Der mit 19 starb war gleichzeitig mein Bruder, aber wir haben früh erkannt, daß wir nicht nur Brüder waren, sondern auch beste Freunde. Ein Jahr nachdem er starb, starb der andere, mit dem ich die Erkenntnis teilte, daß wir nicht nur beste Freunde waren, sondern auch Herzensbrüder. Zu dem Zeitpunkt waren sie die einzigen Menschen, mit denen ich mich Herz zu Herz verstand. Sie wurden seitdem nie wieder ersetzt in meinem Leben.

Davor und danach hatte ich gute Freunde, enge Freunde, aber irgendwie entwickelten wir uns alle weg voneinander.
Ich kenne heute viele Menschen, teile auch enge Freundschaften und Vertrauen mit einigen von ihnen. Aber es ist stets eine Distanz da, klein und fein, aber spürbar. Liegt es an mir? Gibt es tief in mir eine geschlossene Tür, zu der kein neuer Mensch mehr den Schlüssel zu finden vermag?

Und ab und zu, wenn keiner in meiner Nähe ist, mache ich die Tür ein bisschen auf und blicke auf die Erinnerung jener besonderen Freundschaften meiner Jugend zurück, als unsere Herzen Gärten waren, in deren lebendige Böden wir jene sonderbare Mischung zwischen Bruderschaft und Freundschaft als ewige Saatgut pflanzten.

Che Chidi Chukwumerije

BRÜDERLEIN

Heute ist wieder der Tag
die Welt nicht zu hören
denn ich will Dich wieder hören
so wie an unserem letzten Tag

Ernster wie sonst war Deine Stimme
kurz Dein Lächeln
Ich schenkte Dir zurück meines Herzens Lächeln
doch warum verlor ich meine Stimme?

Ich wollte Dich bitten nicht zu gehen
Ich wollte Dich bitten aufzupassen
Doch, Er wird schon auf sich aufpassen,
sagte ich mir und ließ Dich gehen

Und bis heute warte ich.
Du bist ein Adler, ein Sucher, ein Finder
Ein Reisender, ein Mensch, ein Empfinder
und hoffnungsvoll warte ich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

Footsteps On The Sands Of Time

Kwame Ekwueme Chukwumerije 1975 – 1995

Kwame, you would have turned 47 today, but that dream died a long time ago. You didn‘t even quite make it out of teenage.
But, brother, your few poems have long made it unto the pages of our hearts for all eternity, like footsteps on the sands of time.

Available on Amazon:
Footsteps On The Sands Of Time: (Poems)
– by Kwame Ekwueme Chukwumerije

REFLECT BEFORE CELEBRATE

Why was I born? Why were you born?
Into this Earth.

My birthday always makes me think. This year more than ever, I don‘t know why. The questioning thought: Everything I‘ve done in the last 48yrs, have they in any way really fulfilled the reason WHY I WAS BORN? Or have I up until now, in a deep subtle way, just been wasting my time? For I was not born in order to celebrate that birth annually. Viewed logically, that‘s a senseless feedback loop – unless augmented, nay, superseded, by a PURPOSE – and the fulfilment of that purpose – of my birth into this earth.

49 years ago, I was not here. I was not a part of this daily hustle and bustle, getting into cars and busses, voting in elections, raising kids, being earthy and doing the earthly. So, where was I? And why did I come here? Where were you before you were born? And why did you come here?

Every year the certainty that I‘m closer to my earthly death, to my departure. I just feel it, so strongly. That reduced distance. It‘s not just a piece of general knowledge that we all have: Everybody dies one day. Yes we all know this. But it is more than this. It‘s also a solid emotional perception, a physical presence that comes closer, that you can feel when you close your eyes and pay attention.

My birthday makes me think, not just of birth, but also of death.

My brother, Kwame, aged 19, died on my 21st birthday. It was a few weeks before his own 20th birthday. The person closest to me. Why did he come? Did he or did he not fulfil the purpose of it? And then he was gone again. It‘s a date we share, in life and death.

Life existed before we were born into it. It was perfect, already. Before we were created, Creation was already formed and perfect. This realisation makes me think and there is no end to this reflection. Just a clear line of perception – an intuitive perception:

You are not without a reason and not without a purpose, unless you fail – consciously or unconsciously – to discover that reason and that purpose; and then to – deliberately or instinctively – fulfil that reason and that purpose.

It‘s a serious and thought-provoking business meeting your birthday again, and still not knowing why. Or knowing if you’re fulfilling why, as best as you can. Year after year.

I don‘t need to celebrate my birthday. I need to reflect upon it.

Reflect before celebrate.

Che Chidi Chukwumerije
06. April 2022

Little Che – mid 1970s.

BRUDERHERZ

Er lebte voll und ganz sein kurzes Leben
Und ich beobachtete und wanderte daneben:

Den einen schenkte er ein Lächeln
Und erntete viele zurück
Den anderen brach er das Herz
Und brachte sie vorwärts ein Stück
Er hinterließ in mir vor allem den Mut
Zu suchen und zu teilen Wahrheit und Glück –

Denn wir leben, nicht nur um zu erleben
Wir leben, auch um zu beleben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHMERZ ALS SCHMERZMITTEL

Ich vermisse Dich
so sehr, daß
die Sehnsucht mir genügt
Sie ernährt mich Tag und Nacht
so daß die Wunde Deiner Abwesenheit
längst geheilt wurde durch meine
immer anwesende Sehnsucht nach Dir.

Stell Dir vor,
ein Tag ginge vorbei, in dem
ich an Dich kein einziges Mal dachte…
Das wäre wahrlich der traurigste Tag meines Lebens
schlimmer noch als Deine Abwesenheit
schlimmer noch als mein Schmerz
schlimmer noch als Dein Tod.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABENDS

Ich brauche es
abends
in die Leere meiner Seele
lange zu blicken

und dann
nach einer Ewigkeit des Wartens
zu sehen, wie mein Geist von tief drinnen
Bilder an mich zurück schickt

Alles, woran
ich heute flüchtig dachte
ohne zu merken, daß ich daran dachte
es kommt alles zurück

Flüchtlingskinder, die
vergeblich auf ihre Eltern warten…
Ob meine Kinder – und womit –
geimpft werden

Ab wann Ausländer – egal wo –
Wahlrecht haben dürfen…
Und wo ist mein Bruder heute, der
vor sechsundzwanzig Jahren starb?

Dann ist der Abend vorbei
und ich steige aus meiner Seele
wieder heraus
und das war mein Tag heute.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WENN EINER STIRBT

Ich denke an Dich
Und weiß nicht, wo Du bist
Wie kann das sein?
Einst der wichtigste Mensch in meinem Leben
Einst der engste Verbündete in meinem Streben
Wir haben uns gegenseitig
Alles gegeben und alles vergeben
Doch lag es irgendwo in unserem Weben
Daß wir so früh getrennt sein sollten
Ich bin hier geblieben
Du bist abgeschieden und bist jetzt irgendwo
In der großen weiten Schöpfung
Und ich weiß nicht wo
Du bist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung