AHNUNG

Irgendwo ist es schöner
Dachte ich mir
Als ich über den schönen Friedhof schritt
Ein Grabmal hübscher als der andere
Neugeschmückt täglich fast mit Blumen
Nein, mit Liebe
Ruhe und Frieden überall
Dennoch spürte ich, tief in mir,
Irgendwo ist es schöner. Viel schöner.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LANGSAM UND SCHNELL

Ich atme so hart
Doch so zart
Du taust langsam
Vertraust langsam
Kommst langsam raus

Die Gedanken, einst so leise
Einst so schlau
Wie schnell sind sie gefallen
Hungrig geworden
Kindlich, offen und laut.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABENDRUHE

Es passte gerade noch
Der Ernst des Abends
Das fast greifbare Gefühl des sich Labens
Am Geräusch des abendlichen Lebens
Die Dankbarkeit aller Teilhaber am Leben
Vom höchsten Berg bis zum dünnsten Grashalm
Das Geschenk eines weiteren Tages
Erleben gedurft zu haben
Und ich… und ich… schweige.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SCHREIBTAFEL

Die Bücher, die mich lesen –
Wachsen sie auch wegen mir?
Die Seiten, die mich wenden –
Verlassen oder suchen sie mich?
Die Zeilen, die mich schreiben –
Sind sie mit dem Ergebnis zufrieden?
Die Punkte, die mich halten –
Sammeln sie sich nur oder war‘s das?

Die Wege, die mich gehen –
Wann kommen sie endlich an?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MIT DIR EWIG LEBEN

Warum kann das Leben nicht ewig sein?
Das Leben muss ewig sein.
Das Leben ist ewig.
Wenn nicht auf Erden
Denn irgendwo sonst
Und dort will ich Dich treffen
Nach dem wir hier auf Erden fertig sind
Und anderweitig weiter suchen dürfen
Denn ich will mit Dir ewig leben, Ayabona.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

GRENZGEBIET

Wie dünn die Trennwand
zwischen Herz und Hand
zwischen See und Sand
zwischen Luft und Land

Kaum lebe ich
bin ich schon tot
Kaum sterbe ich
lebe ich schon wiederholt

Wie dünn die Trennwand
zwischen Kern und Rand
zwischen Wert und Tand
zwischen Bruch und Band

Jedes Wort hat zwei Seiten
Viel zu viele Freundschaften
sind vergiftet von Halbheiten
tödlicher als alle Feindschaften.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

LEIDEND

Das Leben trachtet
nach meinem Leben,
will mir meinen Freitod
immer noch nicht vergeben,
zwingt mich pausenlos leidend
nach meinen Träumen zu streben
um meine Sehnsucht
zu beweisen nach dem Leben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

LEBEN OHNE LEBEN

Steige in mich ein
oh Leben, denn
der Tod hat mich allein
gelassen.

Wie soll ich die Jahre
der Leere füllen
bis ich endlich hinüberfahre
ins Jenseits des Todes?

Tausendjahrelange Tage
sind ohne tausend Empfindungen
pro Sekunde nicht in der Lage
erfüllt zu werden.

Drum. Steige in mich ein
oh Leben, denn
der Tod hat mich allein
und arbeitslos gelassen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

GLEICHMUT

Der Tag war schwer und leicht

Eine alte Dame schleppte ihren Rollkoffer
langsam über die Zebrastreifen
in ihren Gedanken versunken

Sie strahlte eine leicht amüsierte Stärke aus

Das Leben hat ihr beigebracht
daß sie das Gewicht des Lebens
tragen und ertragen kann
komme was mag

Der Verkehr blieb ungeduldig stehen
bis sie langsam und gelassen
die Straße überquert hatte

Der Tag war schwer und leicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EIN TAG WIE TAUSEND JAHRE

Wie groß
umfangreich und
geräumig der Tag ist
jeder Tag
jeden Tag
habe ich entdeckt
seit dem ich täglich innerhalb
der weiten Grenzen und
vielen und verschiedenartigen
Räumen und
unzähligen Schichten
dieses Reichs „Tag“
jeweils ein neues Gedicht suche
und finde.

Das richtig Verblüffende
Umhauende
Demütigmachende
ist nicht, was ich finde
oder daß ich täglich finde…
sondern die Fülle dessen, was
mir täglich angeboten wird
und die Menge an Wertvollem,
das ich täglich liegen lasse
unaufgenommen
unverinnerlicht
unverarbeitet
weil ich noch nicht offen und
stark und rege genug bin.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung