AN GOTT IST ZU GLAUBEN

Und wieder ist jemand gestorben
Den Du kanntest. Selbe Generation.
Du hättest es auch sein können.
Hinterließ einen kleinen Sohn.
Wo ist Gott?
Frag stattdessen: Was ist Gott?
Woran wird Realität gemessen?

Eines Tages sitzen Deine Freunde
Zusammen, erinnern sich auch an Dich,
Meine an mich, aber auch sie, die
Erinnerer, erinnern sich teils vergeblich
Denn auch sie
Werden einst vergessen: Poesie
Bewahrt nur einen Teil unserer Essenzen.

Wir selber ziehen fort und weiter
Denn überall ist Leben und Sein.
Realität selbst ist Gottesschöpfung,
Die Liebe zum Sein und geteiltem Sein
Und Anderssein,
Diese Liebe ist wessen?: von Gottessein
Zeugt sie, und Zuversicht unterdessen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

TRENNUNG

Heute morgen. Sitzend im Friedhof
Ich frage mich: was ist leben?
Draußen war in und um mir alles tot
Hier fühle ich mich lebendig

Hier wo Knochen und Eitelkeit
Begraben nebeneinander weiter sterben
Kein Streben nach Ruhm macht
Den Sterblichen wieder unsterblich

Nirgends ist leben spürbarer als hier
Wo keiner liegt und nicht in Frieden
Selbst der Tod hält sich fest am Leben
Höflich, wachsam, grün und friedlich

In der Stille tief ist Schönheit
In den Gedanken der Hinterbliebenen
Selbst inzwischen auch abgeschieden
Unter ihren eigenen Blumen liegen.

Das Schönste an einem Gedicht
Nicht der Anfang, sondern sein Enden
Plötzlich, bestimmt, ist es geboren und
Befreit sich von seinem Dichter endlich.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

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WANN IST SCHLUSS?

Wann ist ein Gedicht
Zu Ende gedichtet
Und vollbracht?
Wann ein Gedanke
Bis zum Schluß gedacht?

Wenn er Tat
Geworden ist?
Oder wenn er
Gar nicht mehr ist?
An seiner statt
Ein anderer…
Ein weiterer?

Wann ist ein Leben
Zu Ende gelebt?
Erfüllung gebärdet Weiterleben
Versagen erzwingt Wiederholung
Ein Leben ist dann
Zu Ende gelebt
Bei Wiederholungen vom Versagen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

QUELLE

Ich weiß nicht
Was ich morgen schreiben werde
Doch daß ich morgen schreiben werde
Das weiß ich wohl

Ich weiß nicht
Was ich morgen empfinden werde
Doch daß ich morgen empfinden werde
Ist mein wahres Leben

Und selbst wenn ich sterben sollte
Weiß ich dennoch
Daß ich morgen schreiben werde
Weil ich morgen empfinden werde
Weil ich morgen lieben werde
Lieben ist das Leben nach dem Tod

Ich schreibe keine Gedichte
Ich lasse Empfindungen zu
Sie erzählen mir ihre Geschichten
Und meine dazu.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

LÜCKENFÜLLER

Der Himmel ist nur dann blau
Wenn ich nach oben schaue
Normalerweise ist er grausam
Keine Anteilnahme

Was ist anspruchsvoller in der Zeit:
Die Endlichkeit oder die Unendlichkeit?
Unendliche Zeit ist schwierig
Jeder Tag ist eine Herausforderung
Kein Müßiggang

Jeden Tag überrascht uns irgendetwas
Das Unerwartete erwarten wir ja immer
Dennoch überrascht es uns – und eines Tages
Wir es der Tod sein.
Und eines Tages wird es der Tod sein.

Wiedergeburt. Neugeburt.
Brücke ist nur dann Brücke
Wenn ich mich überbrücken lasse
Beglücken lasse von der Kehrseite
Des unerwarteten Regenschauers
Sonst ist sie bloß eine Lücke

Dann bist Du der Lückenfüller
Und merkst es nicht, bis die Lücke wieder
Verschwunden ist und Du stürzt zu Boden
Augen nach unten gerichtet, anstatt nach oben.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DER LIEBE ZULIEBE

Es ist die Liebe zum Leben
Die in ruhigen Stunden
Die Gedichte in mir sich erheben
Ließ, und mich sie aufheben –
Sonst wären sie wieder verschwunden.

Schaffe in Deinem Leben Raum
Zu verwirklichen einen lieben Traum
Mittig in Dir – nicht am Saum.
Der Liebe Traum ist mehr als Traum
Er ist Erhaltung, Nahrung, Lebensbaum.

Ernst knapp ist nur die liebe Zeit
Doch die Zeit, die man der Liebe verleiht
Damit der Liebe Traum gedeiht
Das allein ist wahrlich die Lebenszeit
Denn die erhält man zurück als Ewigkeit.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

GANZ

Nimm den Tag –
Sei grob,
Nicht zimperlich.
Nimm ihn grob und groß
und ganz.
Und schlaf heute Nacht
Mit einem vollen Herzen
Voller Leben und Stolper
und Tanz.
Alles was Du nimmst, nimm ganz.

Doch wenn die Wege dünn sind,
Dann laß alles Feine in Dir das Feine
In mir wecken, schmecken
Und sich in einander verstecken.
Und bleib heute Nacht
Die ganze Nacht lang wach mit Verlangen
Nach tieferem Unterfangen.
Und auch das, nimm ganz.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

MOMENTE NÜTZLICH FÜLLEN

Wissen, wann man am besten Tschüss sagt
Kurz bevor der schöne Abend plötzlich unbehagt
Noch während eine schöne Aussicht hervorragt
Und Unsicherheit Deine Seele noch nicht plagt

Wenn noch keiner nach der Uhrzeit fragt
Und die späte Müdigkeit witzelnd beklagt
Gähnend fragt, ob man heute Abend noch was wagt
Und Unsicherheit an noch keiner Seele nagt

Das Treffen ist jung, doch sein Sinn schon betagt
Die Dynamik des Gesellens ist einfach so veranlagt
Der Mut zur Bindung irgendwann doch verzagt
Weil Unsicherheit in die Seelen jagt

Unsicherheit darüber, was der eigentliche Sinn ist
Des Treffens, des Moments bezüglich der kurzen Frist
Die das Erdenleben uns unerbittlich ausmisst
Was der Mensch in seinem Unterbewusstsein nie vergisst.

Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

MOMENTE DES LEBENS

Momente gesammelt
Denn ein Herz hat mehr Speicherplatz
Als alle Smartphone der Welt versammelt
Neben diesem einen Schatz:
Menschengeist.

Blatt um Blatt
Lese ich alle Menschen zwischen den Zeilen
Wie kann ich vergessen, was mich geprägt hat?
Momente markieren meine Meilen
Ich, Menschengeist.

Momente der Freude
Momente des Schmerzes, der Angst, der Liebe
Was mich einmal durchdringt, gehört im Gebäude
Meines Geistes fortan zum Getriebe
Je mehr ich erlebe
Desto mehr lebe
Ich, Menschengeist.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

40 ALS GRENZE

Wann wirst Du endlich erwachsen?
Mit 14? 16? 18? 21?
Ab 30 ist die Frist fast abgelaufen
Denn das Leben endet mit 40

Willst Du jenseits 40 überleben
Musst Du tapfer neugeboren werden
Sonst ist der Rest Deines Lebens,
Ob lang oder kurz, nur ein Sterben.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung