UMBLÄTTERN

Hat ein Lächeln
Ein Verfalldatum?
Jeder Blume
Ist einst die Zeit um.

Wird der Herbst verschließen
Die Blume, die Sommer uns geliehen?
Oder wird der Spätling sie
Blatt um Blatt ausziehen?

Wie lange hält das Gedicht
Es aus in seinem Grab?
November wartet um die Ecke
Und er reißt allen die Masken ab.

Die Blumen winken und scheiden
Unserem Mond entziehen sich die Gezeiten
Nur das Lächeln, das wird bleiben
Als Erinnerung an alte Zeiten.

– Che Chidi Chukwumerije.

WAND

Alles war nutzlos gegen ihre hohen Wände
Keine Ideologie war tief genug, um
Ihre Kälte zu untergraben –
Ich sag’s Euch, keine Ideologie.

Keine Philosophie,
Weder der Natur noch der Wissenschaft,
Überzeugte sie. Stark wie Amazonia.

Für die Brechstange war sie zu zerbrechlich; unempfänglich.

Und dann schrieb mein Herz ihr ein Gedicht
Und, siehe: sie schmolz, und weinte bitterlich.

– Che Chidi Chukwumerije.

PRÄGUNG

Schmeckst leicht nach Mandeln
Gebrannt, mit deinem Geschmack nach mir
Ich hab’s aus deinem Kuss zart
Heraus geschmeckt.

Ich habe keine Mandeln gegessen
Flüsterst du, lächelnd
Mußt auch nicht, lächle ich
Es reicht, daß du verliebt bist.

Die Liebe, sie ist der wahre Schöpfer
Wenn sie einkehrt, bringt sie
Alles mit: Sonne, Mond, Nacht, Wind
Wasser, Luft, Freude, Schweigen, Schmerz.

Einsamkeit schmeckt nach dir
Wenn du nicht da bist
Alles und alle schmecken nach dir
Wenn du nicht da bist.

– Che Chidi Chukwumerije.

MEHR

Tragweite deiner Entscheidung, deiner Sehnsucht
Dieses Sehnen, geht es um Sehn oder um Suchn?

Wie weit tragen sie die Flügel eines Schmetterlings?
Unvergleichbar den Schwingen des Adlers
Dennoch be-trügen sie mich weiter

Alles Starke, was ich an mir trug
Jegliche Weitsicht, und stolze Männlichkeit
Zart spielerisch machte sie alles zu Nichte

Dann trug sie mich weiter, und ich sah, ohne Worte
Was sie mir die ganze Zeit nicht sagen konnte
Nicht mal mit ihren zartesten Zeilen

Unberührt ist auch berührt.

– Che Chidi Chukwumerije.

AFFÄRE

Verlangen ohne Erwartung
Wie geht das denn?
Haben ohne Besitzen – Vor- und Nachteile?
Alles, was ich für dich fühle
Nicht alles hast du gefühlt
Alles, was du von mir hast
Entspricht nicht allem, was du in mir hast.

– Che Chidi Chukwumerije.

LIEBESGESICHTER

Gedicht
Dichtzusammengepresst
Aus-ge-drückt

Kostet ein Herz auch nur einmal die Liebe
Lässt es die Welt es hören…

Hallt sie in ihm ein tausend mal nach
So wird die Welt es ein tausend mal hören.

 – Che Chidi Chukwumerije.

STAUNEN

Tiger Tiger
Tausend Krallen
Fänden jetzt keinen Angriffspunkt
Auf meinem Herzen

Deine sanfte Stimme nur
Verschafft mir Sonne
Und in der Nacht tausend Sonnen

So stark deine Weichheit
So sicher dein tastendes Stolpern
Eine Welt für sich
Bist du

Tiger Tiger
Zarte Pfoten
Halte mich wieder wie in jener Nacht
Ohne Vorbehalt
Mit all der Liebe deiner feuerkühlen Urmacht
Und das was du sagst, sag leise…

Tiger Tiger
Es ist ein Raunen im Wald
Ein Staunen in meinem Herzen.

 – Che Chidi Chukwumerije.

MUTTER UND SOHN

Im Worte Mutter liegt das Wörtchen Mut
Im Wort Versöhnung schwingt irgendwo der Begriff Sohn
Und heute habe ich den Mut gefasst
Und mich mit meiner Mutter versöhnt

Es hat Weh getan und es tat gut
Ich habe gelernt, Schmerzen auszusprechen
Statt schweigend mich abzuwenden
Ich habe gelernt, Vergebung zu geben
Und entgegen zu nehmen

Ich habe gelernt, daß sich zu entschuldigen
Nur die halbe Strecke ist –
Du musst Dich aber dann auch verändern

Ich habe gelernt, daß Rache
Ob bewußt oder unbewußt ausgeführt
Mehr schadet als sie richtet
Aber wenn wir Liebe in unseren Herzen tragen
Werden diese Schäden zu unseren Lehrern…

Und vieles kann man nicht verändern
Alles kann man nicht haben
Auf einiges muss man sich verzichten
Anderen zu liebe…

Und eine kleine Tat der Versöhnung
Kann in Einem etwas bewirken
Was seine ganze Welt verändert
Und ihn seinen Qualen entlässt…

Selbst wenn ich jetzt sterben würde
Sterbe ich mit Frieden in meinem Herzen.

– Che Chidi Chukwumerije.

MUT ZU LIEBEN

Die Angst, verlassen zu werden, führt dazu, daß ich die Menschen verletze, von mir vertreibe und selbst als erster sie verlasse. Um dann selbst da drunter zu leiden.

Die Angst, zurück gewiesen zu sein, veranlasst mich dazu, den Menschen nicht zu sagen oder zu zeigen, genau wie viel sie mir bedeuten und wie sehr ich auf sie angewiesen bin. Denn ich habe Angst, sie würden diese Macht, die sie über mich haben, missbrauchen.

Weil ich von anderen nicht verletzt werden möchte, verletze ich lieber nicht nur sie, sondern auch mich selbst, bevor es so weit wird.

Diese Angst ist meine Wunde. Nicht die Angst zu versagen oder zu sterben oder gar andere zu enttäuschen, sondern die Angst davor, von jenen Menschen verletzt und verlassen zu werden, die ich am meisten liebe, brauche und will. Und aus dieser Angst heraus lasse ich diese Menschen gar nicht erst an mich heran oder ich verletze sie und treibe sie fort. Ich konnte immer den Schmerz dieser Verluste ertragen. Dieser Schmerz war mir ertragbarer, als wenn ich von diesen Menschen selbst verletzt und verlassen wäre – in einem Augenblick, in dem ich voller Vertrauen es nicht erwarten würde.

Aber der Schmerz, den ich dadurch diesen Menschen zugefügt habe, war mir zwar nicht egal, doch habe ich ihn mit in Kauf genommen, ausgeblendet und relativiert, manchmal sogar gewollt, damit sie einen Schritt von mir zurück weichen würden. Deren Schmerz war mir lieber als meiner. Oder: unser beide Schmerz war mir lieber als meiner allein. Wer sich selbst Schmerz zufügt, kann ihn besser ertragen. Ich liebe die Einsamkeit, weil allein sie mich von alleine nicht verlassen kann.

Jedoch bin ich irgendwann zu weit gegangen, so weit, daß ich genau den einen Mensch getroffen, verwundet, verjagt und verloren habe, den ich tatsächlich am meisten liebe, brauche und will, und vor allem, auf den ich doch nicht verzichten kann – eigentlich das, was ich immer erreichen wollte. Doch wurde diesmal in mir ein Schmerz ausgelöst, ein Verlust erzeugt, der sich als unerträglich erwiesen hat. Bittere Ernte. Das hätte ich nie erwartet. Das, was mich schützen sollte, hat das Gegenteil bewirkt: mich verwundbar gemacht: Mein Gleichgewicht ist fort und ich weiß nicht, was für Folgen das auf mich langfristig haben wird.

Eine positive Folge ist, daß ich diese Wunde nicht mehr als Angst einstufe, sondern als Feigheit. Dieses Umbenennen hat Wunder bewirkt. Auf einmal habe ich buchstäblich und tatsächlich die Angst verloren und hab stattdessen einen Gegner bekommen, den ich besser greifen und niederstrecken kann. Denn diese Feigheit habe ich seit dem niedergelegt und zeige jetzt den Menschen, vor allem den mir wichtigen oder wichtig werdenden, das, was ich vorher vor allem ihnen immer versteckt habe. Das wiederum hat in Folge mir in jüngster Zeit viel Schmerz aber auch viel Freude gebracht. Am wichtigsten aber habe ich die Freiheit gewonnen und die Gewissheit, ich lebe.

Eine zweite positive Folge ist, daß ich viele Entscheidungen endlich getroffen und umgesetzt habe, oder am Umsetzen bin, die lange in mir gestaut haben, auf den Mut zum Handeln harrend. Erfolg oder Niederlage ist vorerst nicht das Wichtige, sondern das Handeln selbst.

Nicht desto trotz schmerzt innig und belastet mich sehr der Verlust dieses einen Menschen und hat mich kurzzeitig sogar an den Rand des Wahnsinns und des Selbstmords getrieben. Seit dem ich allerdings diese Phase überlebt habe, habe ich den Eindruck, ich kann alle anderen Schmerzen und Komplikationen und Auswirkungen, die mit diesem Fall zusammen hängen, fest ertragen. Ob das gut ist oder schlecht, vermag ich nicht zu beurteilen. Dafür kenne ich mich im Fach Psychologie zu wenig, eigentlich gar nicht, aus.

Ich weiß nur, daß der Weg vorwärts für mich in der Wahrhaftigkeit zu mir selbst liegt und in der Bereitwilligkeit, mich auch der Gefahr des Herzensleidens zu öffnen. Ich glaube, das ist das, was die Menschen Vertrauen nennen. Ich nenne es lieber den Mut.

Und ich glaube, das war letztendlich der Sinn meiner Beziehung zu diesem Menschen. Nicht der Mensch selber, sondern das Herausbrechen aus meiner Schale. Alles andere bleibt jetzt ver-gangen. Die mir wichtigen Menschen bleiben gegen-wärtig, präsent, in meinem Leben.

– Che Chidi Chukwumerije.

SCHLUSSFOLGERN

Jede Brücke ist eine Eselsbrücke
Dreimal stelltest Du mir die selbe Frage
Erhieltest jedes Mal eine andere Antwort von mir
Denk nicht gleich an eine Lüge

Denk an Spuren der Wahrheit
Wie soll ich denn das in Worte Nicht-Fassbare
Das Vielschichtige, mehrfach Innenundaußenseitige
Meiner sich werdenden Wahrheiten offenbaren

Wenn ich dir die Realität wirklich beichten möchte
Ohne nicht jedes Mal was Neues dazu zu sagen?
Denk an Spuren der Wahrheit
Denn Unvollständiges liegt im gesprochenen Wort geborgen

Aber in der Beziehung zwischen den Ungereimtheiten
Zieht sich die Wahrheit langsam aus
Der Lügner wiederholt feige die selbe vorsichtige Linie
Der Ehrliche gibt mutig neue Hinweise preis

Und geht damit das Risiko ein
Daß Du ihn einen Lügner nennen wirst
Weil er jedes Mal anscheinend was anderes erzählt
Doch die feinsten Wahrheiten sich nur schlussfolgern

Deshalb drehen sie sich permanent langsam um
Und zeigen Dir nach und nach alle Seiten von sich.

– Che Chidi Chukwumerije