WALDWEGE IN DIR

Und ich nahm den weniger genommenen Pfad
doch kam ich nicht so weit wie auf der Geraden
denn Du schrecktest auf – und das war … schade.
Erschrocken machtest Du Dich wieder zu –
Jetzt sitzt Du wieder auf dem Grad.

Doch, warst Du erschrocken oder nur überrascht?
Wie viele Fremde haben an Deinen Waldblüten je genascht?
Deine Geheimnisse schonmal plötzlich erhascht?
Machst Du Dich dann immer erschrocken zu?
Oder war ich Dein erster derart intimer Gast?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EMPFANG

Er.will.mich.ausweiden!
Dachte sie mit ausgeweiteten
Augen, Herz, Mund und Beinen…
Kurz, die Uhr blieb stehen –

Sie.will.mich.ertrinken!
Lachte er im schnellen Versinken
Der Sonne, im roten Ausklingen
Des Tages Geschehen…

Rege, der Himmel fiel runter
Die Erde empfing erregt
Den selbst-im-August Regen, und
Der Abend zitterte vor Aufregung.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

EIN SONNTAG SPÄT IM AUGUST

August hat Lust auf mehr
Ich auch
Dennoch bin ich
Mehrfach befriedigt und leer
Was ich brauche ist
In was Neues ein zu tauchen.
Bist Du es?

Du Entkommen des Verstands
Du Verkommen der Schande
Du Umkommen unter Umständen
Du Ankommen an Freuland
Am Sonntagmorgen.

Andachtsglocken
Frohlocken in der Nähe
Locken den nächsten mich
Aus der Ferne.

Der August hat Lust auf mehr
Mehr Regen, mehr Sonne
Mehr Liebe, mehr Höhenflüge,
Mehr Poesie, und mehr Wärme.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SEX OHNE BEZUG

Geblendet nicht erleuchtet
Wollten sie sein
Geschändet und befeuchtet
Rein, raus, rein
So muß das sein. Nein
Ich lag lange danach wach
Genau so schnell zack zack zack!
War meine Ruhe völlig weg
Noch nie schmeckte der Sex
Ohne Bezug so gut wie es
Die Versuchung versprach.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

FLUGGAST

Wenn mit ebengleicher Leichtigkeit
Wie es meine Gedanken tun
Ich, befreit,
Ruhn

Könnte oben auf den scheuen Winden
Getragen von verbrannten Träumen
Die ich zu empfinden
Nicht versäumen

Möchte, würdest Du mir intim begegnen
Auf der Ebene, von wo wortlose Tat
Aufs Geschehen zu regnen
Ihren Anfang hat?

Dann wären wir einander geistig Gast
Auf gemeinsamem Freiflug –
Schräge Ideen hast
Auch Du genug.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

BRICH MIR DAS HERZ, DAMIT ICH SINGEN KANN

Brich mir das Herz, damit ich singen kann
Schenk mir den Schmerz, der zur Wahrheit zwingt
Reiße aus mir heraus, alles was ich bringen kann
Dann wirst Du erfahren, wie meine Liebe klingt

Die reinsten Töne, die verschieden sind
Dein Gewissen zerstückelnd, Glied um Glied
Oder rauh und verwirrt und dennoch voller Frieden sind
Und wenn sie schweigt, ist das auch ein Lied

Lindere den Schmerz mit nichts, was nicht echt ist
Unterscheide bitte nicht zwischen gut und schlecht
Frag nicht zuerst, ob Dein DU mir wirklich recht ist
Verfremdend intim sei es bitte wie ein Brecht!

Doch Achtung! Nach dem ich ganz geschiefert bin
Erstarke ich neu unter den Geistern, die ich rief
Und packe Dich hart, weil ich dann ganz geliefert bin
Und liebe Dich fürchterlich schwer und fürchterlich tief.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung.

AFFÄRE

Ich habe sie beim Flirten beobachtet
Immer, wenn keiner zuschaute
Schauten sie einander an…
Wie ein schneller Sommertag
Im Winter –

Und wenn keiner da war
Waren sie schnell für und miteinander da
Kurze Berührungen
Zufällig gestreift ein Körper den anderen… –

Und wie ihre Augen heftigst
Miteinander redeten, intensiv…
Die ganze Zeit.

Ein Kellner sieht vieles.

Che Chidi Chukwumerije.
2019: Jahr der deutschen Dichtung

MÄRCHEN

Ich hatte Lust auf sie
Habe unterschätzt nicht sie
Sondern die Macht unserer Chemie
Bis ich ihr machtlos erliegen war

Nicht ihr, sondern der Chemie
Und fort an, überall, suchte ich sie
Nicht sie, sondern diese magische Chemie
Die nie wieder zu finden war

Denn 16 ist man nur einmal
Und es war schon einmal.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung