AM LOKALBAHNHOF

Straßenlieder
Er pennt nicht, er schläft
Neben dem Fahrkartenautomat
Seine sind Augen eines Denkers
Aber er schaut nicht zurück
Nein, die sind Augen eines Nachdenkers
Die blicken nur zurück, nicht mehr
Nach Vorn.

Wie schützt er die Matratze, wenn es regnet?
Er wohnt hier schon seit Monaten –
Wann kauft auch er sich eine neue Fahrkarte
Und steigt wieder ein?

Che Chidi Chukwumerije.

2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

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BRUCHTEIL

Gestern zum ersten Mal seit langem
Fuhr ich wieder im Stau den Main entlang
Ein azursanfter Morgen ende Januar, langsam
Es erwachte innig in mir ja das Verlangen
Nach irgendetwas dadraußen
Dann kam, plötzlich, der Schnee
Und ich begriff, ne…, ich habe Fernweh
Und fühlte mich in diesem Wissen Zuhause.

Das sind die Momente, in denen ich zu mir sag
Und tausend Jahre sind wie ein Tag.

Doch bald kam Grün, ich fuhr weiter
Dieses Gedicht unvollendet leider
Zurück gelassen in jenem Moment
Im Stau des Lebens, Licht am Horizont.

– Che Chidi Chukwumerije

2019: Das Jar der deutschen Dichtung

Tagebuch eines Ausländers 11: DANKBARKEIT:

Es muss ein Samstag gewesen sein, denn es war reger Verkehr am Main. Die Jogger und Fahrradfahrer hatten es schwierig, denn die genießerischen Fußgänger waren en Masse unterwegs. Wir fütterten die Enten, bis mein Schwiegervater uns auf das Schild aufmerksam machte, welches genau das verbietet. Meine Frau lachte, denn ihr war das Schild vorher nie aufgefallen und versuchte jetzt, die veränderte Lage unserer nun verwirrten Tochter zu erklären. Wir setzten uns auf meine Bank und schauten anderen dabei zu, wie auch sie eifrig und gütig das Schild übersahen, wie vorher meine Frau, oder ignorierten, wie vorher ich. Irgendwann viel uns nichts mehr ein, was wir der Kleinen als Grund geben konnten, warum sie nicht mehr das durfte, was sie vorher immer durfte, und was jedoch alle diese Menschen da vor uns immer noch taten, entschlossen wir uns dazu, weiter zu laufen. „Das, was die machen, ist falsch,“ sagten wir im Gehen, um das Gespräch abzuschliessen, aber sie ließ natürlich nicht locker und entgegnete jeder Erklärung mit „Aber wieso!“ Am Ende blieb nur „Es ist am Main verboten“ übrig, so daß wir zu Beamten wurden. Nach ein paar Schritten sahen wir ein bisschen weiter Vorne vier Enten am Wasserrand. Nach einiger Beobachtung fiel es uns ein, daß die über die Strasse wollten. Wegen des regen Menschenverkehrs schafften sie es zunächst nicht. Als einmal eine Lücke sich auftat, wagten drei den Quergang im Hochsprint. Nun warteten sie auf der anderen Seite auf die vierte. Sie schien verängstigt zu sein. Immer wenn sie rüber wollte, kam eine Gruppe Fußgänger, ein Radfahrer, ein oder ein paar Jogger, eine Mutter mit Kinderwagen, irgendjemand, vorbei. Ich merke ihre steigende Nervosität und die Aufregung bei ihren Freunden auf der anderen Seite. Irgendwann waren wir an der Reihe. Wir blieben stehen, lang genug, so daß die letzte Ente rüber flitzen konnte. Die Kleine klatschte. Als die Ente bei den anderen ankam, schüttelte sie sich einmal heftig und dann watschelten alle vier flink weiter. Dann merkten wir, daß da, wo sie sich geschüttelt hatte, nun eine Feder auf dem Boden lag. Wir gaben sie der Kleinen und erklärten ihr, die Ente habe uns aus Dankbarkeit eine Feder geschenkt.

– Che Chidi Chukwumerije.

Tagebuch eines Ausländers 3: DIE MAININSEL

Es gefällt mir sehr, am Main spazieren zu gehen. Als ich noch in der Stadt gearbeitet habe, bin ich jeden morgen, nach dem ich meine Tochter in die Kita gebracht hatte, zur Alten Brücke gelaufen, sie aber nicht überquert. Ich nahm die Treppe zum Fluß runter, wo ich nach ein paar Schritten meine Lieblingssitzbank erreichte. Während ich in meinem Buch laß, näherten sich mir ein paar Enten hoffnungsvoll. Man darf sie nicht füttern, aber ich brachte es nie übers Herz, ihnen ein Stückchen meines Brötchens zu enthalten. Ich spürte die Neugier mancher Jogger und Fahrradfahrer und Angestellte unterwegs zur Arbeit, die vorbei flossen wie ein zweiter Fluß. Das Schöne an dieser Stelle ist, daß ich die andere Mainseite nicht sehen kann. Die Bäume auf der Maininsel mitten auf dem Fluß haben eine beruhigende, stärkende, sammelnde Wirkung auf mich, sie fangen mich, spiegeln mich wider. Obwohl ich in dem Buche lese, kommt es mir vor, als würde ich in Wahrheit mit der Maininsel Gedanken tauschen. Plötzlich hallen einer nach dem anderen tiefe Töne von der Kirchglocke oben auf der Strasse rüber zu mir. Es ist neun Uhr, ich stehe auf, richte Krawatte und Jacke und laufe mit dem Main weiter bis hin zum Holbeinsteg. Erst da werde ich ihn überqueren. Den ganzen Tag über, im Büro, immer wenn mir die Luft fehlt, werde ich an diesen Augenblick auf meiner Lieblingssitzbank vor der Maininsel denken. So habe ich das immer gemacht, jeden Tag.

– che chidi chukwumerije.

Tagebuch eines Ausländers 2: MEINE STADT.

Ich bin gestern mit meinem Schwiegervater, der zu Besuch war, durch die Stadt gereist – gereist, sage ich, denn für mich fühlte es sich wie eine Reise an. Er wollte Frankfurt ein bisschen kennenlernen, hat sich darüber beschwert, daß er – obwohl er uns schon ein paar Mal besucht hat – von der Stadt wenig eigentlich gar nichts gesehen hat, und nun hatte er seinen eigenen Plan, wie das wieder gut zu machen war. So setzten wir uns in eine Straßenbahn. Er schaute aus dem Fenster, kommentierte alles, manchmal mit Worten, manchmal mit schweigsamen Blicken. Wir fuhren zu einer Endstation und wieder zur anderen Endstation und dann wieder zur Mitte, wo wir einst eingestiegen waren. Da stiegen wir wieder aus. Danach sind wir zum Main gelaufen, wo er unbedingt eine Flussrundfahrt machen wollte. Wir saßen vorne im Schiff. Sein Gesicht löste sich in eine Sonnenblume auf und immer wieder ließ er, während der einstündigen Fahrt, einen leisen Seufzer von sich hören. Er freute sich, lange war es her, seit er zum letzten Mal so einen schönen, ruhigen, reichen Tag gehabt hat, sagte er mir schließlich, leise. Danach gingen wir in Alt-Sachsenhausen spazieren, wo er prompt ein spanisches Lokal entdeckte. Das Lokal war gerade zu, sonst hätte er sein viertes Bier des Tages sicherlich dort getrunken. Jedes Stück Kuchen, jedes Glas Bier, jede Wurst, jedes Brötchen, jeder Kartoffelsalat, jedes Eis, jedes Lächeln, alles, was er an diesem Tage bekam, schmeckte ihm besonders. Er war zufrieden. Langsam schritten wir nebeneinander nach Hause und machten dabei noch einen kurzen Stopp bei dem Apfelweinwirt, wo ich schon einmal mit meiner Frau war. Unterwegs berührte er meine Schulter und bedankte sich bei mir für den schönen Tag, und dafür, dass ich ihm meine Stadt gezeigt hatte. Er ahnte wirklich überhaupt nicht, dass es gerade umgekehrt war: denn er war es gewesen, der mir meine Stadt neu gezeigt hatte. Oder vielleicht war es seine.

– che chidi chukwumerije.

AM MAIN

Ich verschwinde manchmal
In meine schwimmende Reflektion
Mein ungewisses Mahnmal
Aufs Neue lallend Denk mal
Am Wasser neige ich zur Konfession.

Ich bin dann fremder Gast
In meiner eigenen Seele
Andere Passanten ahnen fast
Den schweren Strom der Last
Der gewürgten Beichte in meiner Kehle.

Aufschauend durch die Flusswellen dieses Gewichtes
Empfange ich die gebrochenen Strahlen des Lichtes
Empfange ich die gebrochenen Strahlen des Lichtes.

– Che Chidi Chukwumerije.

EIN FLUSS, DER BLEIBT

Wieder am Main
Nach so vielen Wochen, nein Monaten
In denen ich alles verloren
Und mich gewonnen habe

Und Du, süßes Wasser
Nur Du bleibst mir treu
Unverändert, unverschollen, ohne Seitensprünge
Spiegel meiner unsichtbaren Tiefe

Dennoch hasse ich Dich heute
Weil Du nichts sagst
Du entfernst Dich und bist dennoch da
Ich war’s, der Dich verließ.

– Che Chidi Chukwumerije.