Menschen wie Bücher jeder neue hat eine Geschichte inne Du musst sie nur öffnen bitte wenden, ständig wenden aufwändig lesen ihre vielen Seiten auf Dich wirken lassen auswendig lernen. Und dann laufe ich durch die Stadt und sehe überall halb Menschen, halb Bücher. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
Menschen
SCHRITT FÜR SCHRITT
Der Tag hat nicht genug Stunden,
die Welt nicht genug Menschen,
die Menschenwelt nicht genug Vielfalt
um alles, was mich treibt, nach dem
ich mich sehne, alles,
das ich täglich angehen, erleben
und erreichen muss, zu umfangen.
Und dann richtet am Ende eines
jeden vollen Tages meine Hoffnung
sich auf den nächsten Tag, den nächsten
Menschen, die nächste Welt…
So treibt und lotst mich das Leben
durch die Korridore der Ewigkeit –
im steten Ringen mit dem Hier-und-Jetzt.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ENT-SCHULDIGUNG
Wer kennt das nicht? Menschen machen Fehler und Fehler machen Menschen. Die Vollkommenheit schuf uns aber erst die Fehlerhaftigkeit formte uns. Erlebe! Wenn schon, denn schon. Wer kennt das nicht? Menschen machen Fehler die Menschen machen. Vor und nach dem Fehlgang - am Ende wie vorher am Anfang - lacht stets ein Erwachen. Wer kennt das nicht? Erst die Schuld-Aufladung dann im nächsten Lebensabschnitt die Ent-Schuldigung. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MORGENLÄCHELN
Die ersten Tagträumer tauchen tapfer in den tautrunkenen Tag Auch so früh am Morgen ist es erstaunlich wie viele Mitreisenden Dir ein müdes Lächeln zurück schenken, wenn Du mutig Dein Herz öffnest und jedem Augenkontakt mit einem vermutlich ebenso müdes Morgenlächeln verewigst. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
HINTER MENSCHEN
Die Erde dachte, sie kannte den Tag, bis er sich verwandelte und wurde zur Nacht. Die Erde dachte, sie kannte die Nacht, bis sie sich änderte und wurde zum Tag. Kennen ist in der Gegenwart leben; Vertrauen ist in der Gegenwart geben; Lieben ist in der Gegenwart beben; Die Zukunft ist ein geschlossenes Buch. Ein Mensch ist mehrere Masken und jede Maske davon ist ein Mensch. Ein anderer Mensch. Nicht nur die Toten geistern herum unter einem Tuch. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
FILTER DES MISSTRAUENS
So oft stehen zwei Menschen gegenüber von einander und zwischen ihnen liegen Welten von Nationen, Kulturen, Religionen, Ansichten wie Filter in ihren Augen während sie Hallo Guten Tag Wie geht‘s sagen und stundenlang, tagelang, wochenlang, monatelang, jahrelang, ja, sogar jahrzehntelang… mit und neben einander arbeiten… mit Filtern in ihren Augen, in ihren Herzen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DER MITMENSCH ALS SPIEGEL
Manche Menschen ändern sich
wie das Wetter
Mal sind sie abweisender,
mal matter, mal netter –
Ich stehe schweigend am Fenster meiner Seele
beobachte sie von Innen
wie sie draußen mit jeder neuen Begegnung
der Welt begegnen wie mit neuen Sinnen.
Ich kann mich nicht sehen
Ich kann nur andere beobachten
Das Gesehene sei mir der Spiegel,
um auf meine Schwankungen besser zu achten.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
NAVIGIEREN
Ich möchte runtersteigen –
Zu lang lebe ich nun in den Wolken.
Möchte mich jenen Gedanken zeigen,
die meine Empfindungen stalken,
deren Kinder sie sind, ureigen.
Ich frage mich, sind das die Art Selbstgespräche,
die die alte Obdachlose auf der hinteren Landstrasse,
mit steifen Beinen humpelnd auf unfreier Fläche,
täglich hält in dieser und jener Seitengasse,
Worte murmelnd wie einsame Waldbäche?
Menschen, die auf Grüße nicht reagieren,
oder die starren und starren und sagen nichts –
Was steckt in solchen Erdpassagieren?
Verschlossen wie der Ursprung eines Gedichts –
Entschlossen, auf ihr inneres Ziel hin zu navigieren.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
VERTRAUENSLÜCKE
Ich würde Dir gerne vertrauen
obwohl Du eine andere Hautfarbe hast,
eine, auf der die Geschichte meiner Entmenschlichung
mit unsichtbarer Tinte geschrieben ist.
Ich würde Dir gerne vertrauen
obwohl Du einer fremden Religion folgst,
eine, in deren Regelwerk Du und ich
im Paradies niemals uns treffen werden.
Ich würde Dir gerne vertrauen,
obwohl Du eine andere Art bist wie ich,
eine, die ich nicht ganz verstehe
und die mich nicht ganz begreift.
Du, ich würde Dir gerne vertrauen,
weil wir beide Menschen sind
und im selben Zeitraum diese Welt bereisen,
wie die verschiedenen Teile eines Puzzles.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
LEERE WIRD NICHT VOLLER DURCH NÄHE
Je mehr ich von der Welt sehe,
desto weniger sehe ich von ihr.
Flugzeuge transportieren nicht nur unsre Sehnsüchte,
sondern auch unsere Ichsucht und Leere;
Das Internet zeigt uns nicht nur, was uns verbindet,
sondern so oft, was uns entfremdet und trennt;
Und bringt uns enger zusammen,
damit jeder im anderen die Einsamkeit erkennt,
unter der auch er leidet und brennt.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
