VERTRAUENSLÜCKE

Ich würde Dir gerne vertrauen
obwohl Du eine andere Hautfarbe hast,
eine, auf der die Geschichte meiner Entmenschlichung
mit unsichtbarer Tinte geschrieben ist.

Ich würde Dir gerne vertrauen
obwohl Du einer fremden Religion folgst,
eine, in deren Regelwerk Du und ich
im Paradies niemals uns treffen werden.

Ich würde Dir gerne vertrauen,
obwohl Du eine andere Art bist wie ich,
eine, die ich nicht ganz verstehe
und die mich nicht ganz begreift.

Du, ich würde Dir gerne vertrauen,
weil wir beide Menschen sind
und im selben Zeitraum diese Welt bereisen,
wie die verschiedenen Teile eines Puzzles.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEINE ENTSCHEIDUNG

Ich stand allein in der Nacht
und, weil ich stand,
war es keine Nacht mehr

Ich lag mit vielen mitten am Tag
doch, weil ich lag,
war es Nacht und kein Tag mehr.

Und es war meine Entscheidung,
zu lieben oder zu hassen,
zu töten oder leben zu lassen,
zu identifizieren mit der gesamten Menschheit
oder nur mit ausgewählten Rassen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS WIR WIEDERBELEBEN

Baum Klassismus
Frucht Rassismus
Wurzel Eitelkeit
Gewässert von der geistigen Trägheit

Täterschaft
Untrennbar von der Untätigkeit
Der Freundschaftsgruß
Untrennbar von dem Verräterkuss

Verraten wurde die Menschheit
In Dir in mir das gekreuzigte Wir
Wiederauferstehen will die Menschlichkeit
Denn unser Grab, siehe: es ist leer.

Sieg der Hoffnung ist es,
wenn der Mut zum Mutmachen mutig bleibt,
wenn der Mut zum Mundaufmachen wiederaufersteht,
wenn der Mut zur Solidarität ewig lebt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BUCH OHNE ENDE

Ich mag es
Ich sag es
mein Bücherregal anzuschauen
und an den Schmerz zu denken
aus dem heraus alle diese Bücher
geschrieben wurden

Denn ich weiß dann, daß
ich nicht alleine bin.
Alles, was ich spüre
hat schon jemand vor mir einst gespürt
vor Hunderten von Jahren
und vor Tausenden vor Jahren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MENSCHEN ÜBERALL

In Asien suchte ich Asiaten
In Arabien suchte ich Araber
In Europa suchte ich Europäer
In Amerika suchte ich Amerikaner
Und selbst in Afrika suchte ich Afrikaner

Und war beinahe irritiert
verwirrt
frustriert
Denn überall fand ich nur
Menschen.

Menschen Menschen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TRAUMATA

Hasse
Maße
Straße
Tasse
Lasse
Klasse
Und noch mehr Assen
reimen sich alle auf Rasse
können sie aber nicht ersetzen –
Nichts kann das.

Deshalb schaue ich ein letztes Mal drauf
bevor es aus dem Grundgesetz verschwindet
und ich für immer meine Rasse verliere.
Fühle ich mich nun geschützter?
Oder entblößter?
Verstandener?
Oder missverstandener?
Etwas in mir schaut sich vorsichtig um…
Ich suche schon den nächsten Haken,
bevor ich ihn überhaupt fasse.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE ZEITEN

Die Sonne wiederholt sich
Der Mond wiederholt sich
Die Jahreszeiten, alles wiederholt sich

Wieso erwarten wir denn, daß
einzig und allein die menschliche Geschichte
sich nicht wiederholen wird?

Der Kluge kauft sich Hut und Creme
für den Tag, und ergattert sich
Musik und Liebe für die Mondnacht

Und bereitet sich
schweren Herzens
auf die Dummheit der Menschheit vor.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

INNERE GLEICHART

Wie lange dauert es
Bis wir durch die Farben hindurch sehen
Über den Akzenten stehen
Die Nachrichten hinterfragen und umdrehen
Die Klischees umrunden auf spitzen Zehen
Durch unsere Ängste hindurch gehen
Und uns verbrüdern auf der Ebene der Ideen?
Wie lange noch?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BEWEISFÜHRUNG UNSERES ENTWICKLUNGSSTANDES

Die Welt ist noch nicht weit genug
Der Weiße ist immer noch überrascht
vom Anblick eines Schwarzen im Weißen Dorf
Der Schwarze ist immer noch überrascht
vom Anblick eines Weißen im Schwarzen Dorf
Geschweige denn, wenn der eine
die Sprache des anderen spricht
und menschliche Eigenschaften auslebt
über die der andere alleinigen Anspruch erhob
Die Welt überrascht noch zu sehr die Welt
Die Welt kennt immer noch nicht die Welt
Die Welt ist noch nicht weit genug
Die Menschenwelt.
Die Frage ist:
Fehlentwicklung? Oder fehlende Entwicklung?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS SELBE ENDE

Am anderen Ende der Welt
fand ich weder das eine
noch das andere Ende der Welt –
Kein Gefühl und kein Impuls
war wirklich weiter entwickelt
als die Einsamkeit oder die Zweisamkeit
Zuhause in meinem eigenen kleinen Zelt.
Fürwahr, die Welt hat kein Ende
und das Ende hat nirgendwo eine Welt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung