Am Tag nach seinem Tode
Wachte auf im Jenseits die Seele
Blickte auf seinen alten Körper
Und den daneben trauernden Bruder
Am Tage nach seines Bruders Unfall
Wachte der Hinterbliebene im Leichensaal
Blickte auf seines Bruders Leiche
Und ahnte nicht die daneben trauernde Seele
Die neben ihm wachte
Und ihn mit Schmerzen im Herzen beobachtete
Und beide sannen
Über alles, was sie noch gemeinsam
Vorgehabt hatten…
Jetzt vorbei
Und beide empfanden im Geiste
Die Wucht ihrer starken Liebe
Zu einander…
Ungeschwächt
Und beide erinnerten sich
Schmerzlich
An den Moment, den Fehler, den Unfall
Der zu dem Tod geführt hat
Und wenn sie es nur könnten, egal
Wie, würden sie alles rückgängig
Machen – leider unmöglich
Nun blickten beide auf den leblosen Körper
Wie auf eine Schwelle, eine Grenze,
Ein geschlossenes Tor in eine verpasste
Und verlorene Möglichkeit…
Eine Chance vertan.
Dann fassten sie Mut
Ertrugen den Schmerz
Drehten sich um
Herz ewig verbunden mit Herz
Und mit Liebe als ewiger Leiter
Gingen sie voller Hoffnung und Sorgen
Jeder mit seinem Leben weiter,
Weiser geworden.
– Che Chidi Chukwumerije
Fortgesetzt in GEFÜHLE 2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
Wer sich selbst vergißt
Erinnert sich am Wahrsten an sich selbst
So wie er tatsächlich ist
Wer sich selbst ganz gibt
Empfängt die Wahrheit über sein Selbst –
Ob er sich dann vergibt?
Wer sich ganz zurück hält
Der gibt und empfängt das Gleiche selbst
Ob es ihm oder nicht gefällt
Und der, wer sich verstellt
Empfängt ein Zerrbild von seinem Selbst
Und von seiner und der ganzen Welt
Wir treffen uns
Wir trennen uns…
Ob wir uns je treffen?
Ob wir uns je trennen?
Auf Wiedersehen
Auf Nimmerwiedersehen
Denn wir werden nie wieder dasselbe sein
Was wir heute waren und heute allein.
Es ist sehr leicht, zynisch zu werden
Du merkst es gar nicht kommen
Du überwindest Rückschläge und Schmerzen
Kühl betrachtest Du die herumliegenden Scherben
Und lachst: ich habe gewonnen.
Der Abendwind entlockt Dir kein Lächeln mehr
Anderer Menschen Schicksale berühren Dich nicht näher
Auch der Spiegel, seine Augen sind leer…
Es ist sehr leicht, zynisch zu werden
Denn durchschaut hast Du ja das Leben
Du meidest die Liebe, verarschest beim Flirten
Dein Kerker, die Traurigkeit, lässt Dich nicht merken:
Du selbst bist gefallen aus Eden.
Der Weg hinaus ist der Weg hinein
Der Schmerz ist Gift, ist aber auch der Wein
Der Zyniker ist selbst sein Stein.
Ein Zug klopft in meinem Kopf
Mein Herz schlägt
Stark
Meine Augen öffnen sich kurz
schließen sich wieder
Ich bin allein.
Die Angst lähmt mich
Sorge verwirrt meine Gedanken
Die Hoffnung umarmt mich zart, ich bin inruhig
Wolken, grau, schweben über mir
ich sehe den Himmel nicht mehr.
Hebe den Fuß, Mensch, und schreite fort!
Ich höre die Stimme klar, zwar
doch ich habe Angst.
Wo ist der Himmel?
Stimme wieder, Stimme wieder:
Mußt du wirklich den Himmel sehen
um dich daran zu erinnern, daß er
da ist? Er ist immer da.