TAGE DER EINSAMKEIT

Die Einsamkeit wird Selbstgespräche
in Dir führen,
wie die verlassenen Straßen da draußen,
die Füße kaum noch berühren,
in der Korona dieser merkwürdigen und
kalten Frühlingssonne frieren,
ungewärmt von leeren Büros, die alles
beobachten und alles ignorieren…

Wo ist der Mensch?
Was ist aus ihm geworden?

Die Einsamkeit wird Selbstgespräche
in Dir führen,
wird ihren eigenen Weg in Dir gehen
durch längst vergessene Türen,
wird Dich an Erinnerungen erinnern,
die schmerzen und berühren,
wird Sorgen und Hoffnungen und Ängste
in Dir schüren…

Bin ich der Mensch?
Was ist aus mir geworden?

Die Einsamkeit wird Selbstgespräche
in Dir führen…
Du musst leise werden und schweigen
und genauer hinhören,
denn irgendwann geht der Lärm wieder
los und wird Dich wieder verführen –
Drum nutze dieses Erlebnis voll und
lasse Dich nicht stören.

Denn Du bist der Mensch
und wirst morgen neu aus Dir werden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DEZEMBERS STILLES ENDE

Wüsstest Du, daß die Einsamkeit
Ein Schutzmittel gegen sich selbst ist?
Wenn sie nah ist, ist sie weit
Wenn sie weit ist, wird sie vermisst
Von der in Dir wohnenden Einsamkeit
Denn sie vor allem braucht Gesellschaft –
Gesellschaft ehrlich, tief und wahrhaft.

Wie viele Gedanken nehmen wir
Vom alten ins neue Jahr mit rüber?
Wie viele Persönlichkeiten schälen wir
Denn die Zeiten werden immer gröber –
Welches Schutz-Ich wählen wir?
Kraft der Einsamkeit laut der Einsamkeit
Hören wir am klarsten in der stillen Einsamkeit.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WEIHNACHTEN

Stille Nacht, heilige Nacht –
Nach dem ich heute Nacht
Geschenke meinen Lieben verschenkt
Und meine selbst ausgepackt habe,
Werden meine Gedanken nun gelenkt
Endlich zu der eigentlichen Gabe?
Der göttlichen Weihe der Nacht.

In der Finsternis scheint das Licht
Das Finsternis begreift es immer noch nicht.
Wann werden wir endlich das Gotteswort
Als liebevolles Licht begreifen?
Es erhellt unseren innersten dunklen Hort
Damit wir als wahre Menschen reifen.
Für was anderes kam das Licht nicht.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

REISEWARNUNG

Die Schienen, wie Schicksal,
Bringen die Züge
Zu ihrem einst erwählten Ziel

Das Schicksal, wie Schienen,
Bindet die Sünden
An unsere Seelengründe
Bringen Gedanken, wie Insassen
Zu ihrem Endziel
Egal ob es jedem gefiel – oder nicht.

Du wirst ab und an
Manch einen Menschen treffen
Buch lesen, Film sehen
Geschichte hören, Gedicht nachempfinden
Ab und an etwas erleben
Was Dich zum weiter streben
Zwingen will…
Schmerz oder Freude
Liebe oder Verlust
Für etwas machtlos leiden
Bei Hoffnung oder Frust
Es bewegt Dein Inneres.

Diese Momente…
Das sind unsere Zwischenstationen –
Manche steigen aus
Manche steigen ein.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DIE GESCHICHTE EINER LETZTEN FREIEN NACHT

Laut und versaut
Ist die Braut
Und wurde mit ihrer Einwilligung
In der Nacht gebraucht
Getarnt, von ihrer Maske beraubt
Lautlos geklaut
Und zum Schlachthof gebracht
Jenseits ihrer Grenze
Und mitten in der Party lachend entfacht
Von tausend Gedanken gehalten
Im Schach.

Dort hat sie die letzte Nacht verbracht
Denn das war Brauch
Und am nächsten Tag wurde sie wieder
Maskiert unter lautem Jubel getraut
Ein bitterer Nachgeschmack verstaut im Bauch
Nüchtern und schüchtern
Ob möglich keimender Gerüchte
Ein Geheimnis eingebaut in ihr Leben
Fürs Leben.
Keiner hat‘s durchschaut
Aber sie war allen vertraut
Denn laut und versaut
War die Braut.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

KARWENDEL UMRISS

Wie eine sagenumwobene ferne Zukunft
In greifbarer Nähe…
Meine Träume sind gleichzeitig Herkunft

Der Erinnerungen, deren Umriße ich sehe
Geben undeutig Auskunft
Über Leben, Arbeit, Hobbies, Kinder, Ehe

Drängen sowohl zur Tat als auch zur Vernunft
Fahr! Vorsichtig! Wehe,
Wenn Du das Wesentliche verbockst kurz vor Ankunft.

Swar n leises Gespräch, dessen Tiefe ich versteh
Wach sein ist die Kunst
Der feinen Sinngewinnung aus allen Dingen unscharf oder zäh.

Che Chidi Chukwumerije.
2019: Jahr der deutschen Dichtung

Das Karwendelgebirge sanft umrissen in der Ferne. Unterwegs von München nach Innsbruck - Endziel Vomperberg. Foto: Che Chidi Chukwumerije, 18.04.2019.
Das Karwendelgebirge sanft umrissen in der Ferne. Unterwegs von München nach Innsbruck – Endziel Vomperberg.
Foto: Che Chidi Chukwumerije 18.4.2019.

AM MAIN

Ich verschwinde manchmal
In meine schwimmende Reflektion
Mein ungewisses Mahnmal
Aufs Neue lallend Denk mal
Am Wasser neige ich zur Konfession.

Ich bin dann fremder Gast
In meiner eigenen Seele
Andere Passanten ahnen fast
Den schweren Strom der Last
Der gewürgten Beichte in meiner Kehle.

Aufschauend durch die Flusswellen dieses Gewichtes
Empfange ich die gebrochenen Strahlen des Lichtes
Empfange ich die gebrochenen Strahlen des Lichtes.

– Che Chidi Chukwumerije.

BERÜHRUNG

Berühre mich heute
Nacht nicht – ich bin wund
Ich bin der Nacht Beute
Es klopft die Erinnerung

Salbe. Dein Schweigen
Ist Salbe, ist Liebe, ist lind
Ist wie ein sanfter Reigen
Ist wie ein Schmetterling

Wer tanzt da ohn Gesicht?
Wer drückt da meine Hand?
Es trifft mich, und zerbricht
Ein müder Bumerang

Dich wollte ich aber nicht
Verletzen – sondern schützend
Schwieg ich. Doch im Gedicht
Lieg ich dir hauteng

So trennte uns die Nacht –
Abnehmender Halbmond…
Morgen stimmen wir uns sacht
Wieder ein in unsren Song.

– Che Chidi Chukwumerije.