DURCH DAS FENSTER

Ich höre Stimmen
in der Nacht

Sie spazieren unten
auf der stillen Straße
Eine flüstert, die andere lacht

Die Stimmen bleiben kurz stehen
bevor sie langsam weiter gehen
langsam werden aufgeschluckt
von der stillen Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DANKE FÜR DEN TAG

Danke für den Tag
für den Kampf mit mir selbst
für den magischen Wechsel zwischen Morgen und Mittag
für die Phasen, in denen ich mich vergaß,
denn genau dann war ich mein wahres Selbst.
Danke für die Trockenheit, die Nachmittag heißt,
denn ein Tag besteht aus vielen Welten.
Und wieder überraschte mich die Abenddämmerung,
ich weiß nie, wo sie herkommt …
noch weiß ich, ob es Wehmut oder Freude ist,
die ich empfinde, während ich
mit Augen zu schaue
mit Ohren lausche
mit Gänsehaut registriere
mit Herzen ahne,
wie der Abend langsam der Nacht weicht,
die von der Zukunft heran schleicht,
jede Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SOMMERNACHTREGEN

Ich roch ihre Erregung,
angeregt von der Nacht,
die halbe Stadt hing raus,
ging raus und war draußen zu Haus.

Auf einmal kam der Wind
wie schnelle harte Atemzüge,
und ich roch ihre Aufregung –
die ganze Stadt eilte wieder nach Haus.

Doch nicht schnell genug –
Die Böden wurden feucht
Die Menschen wurden naß
und ich roch den dürstigen Regen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SACHTER NACHTREGEN

Ich könnte Dich
wiederholend
wieder holen

Dich zählen
wie die Regenperlen
heute Nacht

Dich dichten
Auf Mich verzichten
Laß die Nacht von uns berichten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABENDDÄMMERUNG

Der Tag stirbt in Stufen
In Schichten entkleidet sich der Abend
Etappenweise fällt nach und nach die Masken ab,
mit denen wir uns ablenken
vor unserer nackten Wahrheiten

Und bis die verschiedenen Phasen des Abends
wie geistige Besucher eingeschlichen und
wieder weggezogen sind, und die Nacht
wie ein Dieb eingebrochen ist,
erkennen wir den Tag nicht mehr.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NACHTSTIMMEN

Ich höre Stimmen in der Nacht…
Das Murmeln des Regens
Das Lachen meiner Freunde
Das Singen von Musik
sind nicht die Stimmen, die ich höre…
Nein. sie sind nur die begleitenden Chöre
der Stimmen der Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NÄCHTLICHE SEITEN

Du denkst, Du fährst durch die Nacht
Doch am Ende der Reise
steigst Du aus dem Zug und begreifst
Es ist die Nacht
die durch Dich hindurch gefahren ist.

Weil die Orte die Plätze getauscht haben
und Du bist noch, wo Du warst
Weil Abend und Morgen die Seiten
gewechselt haben
Über Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHLAFLIED ZUM NACHTZUG

Sie schlief ein
Und wurde wieder Kind
Und wurde wieder Kind während sie schlief

Ihr Körper sackte in sich zusammen
Übergab sich kindlich vertrauend
Dem starken unbequemen Sitz
Und entwickelte eine schutzlose Verletzlichkeit

Dann kam die kleine Nachtmusik
Der Nachtzug trommelte rhythmisch
Zuerst pfiff sie mit, einszweidrei einszweidrei
Doch bald schnarchte sie einsundzweiunddreiundvier
Und der Zug, Begleiter, trommelte weiter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NACHTZUG BERLIN FRANKFURT

Kurz bevor es dunkel wird
schlafen die Bäume ein
wie müde Wachsoldaten
verfallen ihren Träumereien
Der Zug, wie ein Schlafwandler
betritt freie Räume ohne Bein
ohne Fuß ohne Zeh ohne Schuh
Fährt fast ohne Geräusch mich Heim.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TAG

Jeder Tag ist der Anfang
des Lebens und sein Ende.
Es gibt keine Ewigkeit
Es gibt keine Unendlichkeit
Es gibt nur Tag und Nacht
Und sie ergänzen sich
Wie Du und ich.

Es gibt keine Ewigkeit
Es gibt keine Unendlichkeit
Es gibt nur Tag und Nacht.
Den Traum
Und das Streben danach,
Ihn wahr werden zu lassen,
Jeden Tag Du und ich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung