NÄHE DURCH DISTANZ

Wir sind von Weitem gekommen
wie Gedanken, die kommen und gehen.
Und auch aus der Nähe betrachten wir Euch
mit Augen, die Dinge aus der Ferne sehen.

Distanz lässt sich nicht überbrücken
bloß durch Nähe – …
Sie kommt lediglich nah genug,
damit jeder sie jetzt richtig sähe.

Wer Distanz überwinden will,
muß sich ebenso distanzieren –
Nur wer die Weite tief erlebt hat,
kann die Weite kapieren.

Denn gleich und gleich gesellt sich gern
und Verständnis schafft Verbindung –
Verbindung aber ist wirkliche Nähe,
Ankunft, Anfang, Anbindung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ORAKEL

Du brauchst
die Pausen
zwischen
den Unterhaltungen

In den Pausen
hörst Du die Dinge im Nachhinein
die Du während der Unterhaltung
überhörtest

Ähnlich wie die Nacht
den Tag erklärt –
In der Pause
ist das Orakel zu Hause.

Schenk mir Distanz zu Deiner Nähe
Gönne mir Pausen
Du bist zu laut hier drinnen –
Ich verstehe Dich nur von da draussen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEERE WIRD NICHT VOLLER DURCH NÄHE

Je mehr ich von der Welt sehe,
desto weniger sehe ich von ihr.
Flugzeuge transportieren nicht nur unsre Sehnsüchte,
sondern auch unsere Ichsucht und Leere;
Das Internet zeigt uns nicht nur, was uns verbindet,
sondern so oft, was uns entfremdet und trennt;
Und bringt uns enger zusammen,
damit jeder im anderen die Einsamkeit erkennt,
unter der auch er leidet und brennt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RAUM ZUM EMPFINDEN

Distanz ist die Illusion von Distanz
Nähe ist die Illusion von Nähe
Jede Beziehung ist subtil wie ein Tanz

Freundschaft. Blutsverwandtschaft. Ehe.
Mensch, Volk oder Staat als letzte Instanz.
Was ich sehe, ist nicht, was ich sähe.

Irgendwie reimt es anscheinend nie ganz;
Irgendwo doch, wenn tanzend ich mich umdrehe –
Dort, an der Grenze der Toleranz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NÄHER ALS GEDACHT

Die Ferne tut weh
Doch die Nähe noch mehr
Fernweh ist übertrieben
„Nahweh“ ist schwerer zu ertragen

Was habe ich in der Ferne verloren?
Alles, was uns quält, und heilt,
Alles, was uns einengt, alles, was uns befreit
Es ist alles hier. Hier und jetzt.

Das Fremde weilt nicht in Übersee
Das Eis ist immer der kältere Schnee
Am meisten tut die Nähe weh.
Und die unerfüllte Sehnsucht danach.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESELLSCHAFT

Sie grüßte ihn gerne
Setzte sich jedoch gerne
Zu ihrer Art –

Er arbeitet gerne mit ihr
Feiert allerdings lieber
Mit seiner Art –

Gleich und gleich gesellt sich gern
Doch in unserem inneren Part, weich
Funkelt einsam in jedem ein Stern

Sie liegt nachts wach
Er liegt nachts wach
Und jeder sehnt sich schweigend nach
Der inneren Gleichart.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ABSTAND

Unsere Beziehung
Basiert auf Distanz
Nicht Nähe, sondern Lücken
Ist die Seele von Tanz

Elektrizität
Knistert mit Widerstand
Gefangen sind wir
Außer Rand und Band

Und nebenbei entsteht
Wenn im Vorbeigehen
Ewigkeit und Augenblick
Sich kurz verstehen

Ein kurzer Schrei
Ein Zusammenfassen
Von Genießen und Verlassen
Von Entfesseln und Erfassen.

– Che Chidi Chukwumerije.

SONNE HEUTE

Du mein Herz schlägst
Ungewöhnlich stark heute
Tausend Vögel klirren und
Schirren im Wald
Ich komme bald.

Du mein Herz atmest
Mit ungewöhnlicher Schnelle
Wohin heute?
Zu aufgeregt, ich kann nicht essen
Zu aufgeregt und unterdessen
Dein Schlagen, Schlagen
Tausend Vögel klirren
Schirren im Wald
Kommst auch du bald?

Die Sonne ist nicht hell genug
Heller musst Du strahlen,
Und wenn du da oben bist
Dann warte, warte,
Ich komme bald.

 – Che Chidi Chukwumerije .