HAST DU DEN VERSTAND VERLOREN?

Wenn ich glaube,
meinen Verstand zu verlieren –
wer glaubt und wer verliert?

Wenn ich das Schwinden meines Verstandes
wahrnehme, darf ich dann annehmen,
daß das Wahrnehmende der neue Verstand ist,
der den alten bei seinem Scheiden beobachtet,
ihn aber einfach nicht versteht
weil beide so unterschiedlich sind?

Wenn uns das Andersartige ver-rückt vorkommt
was tun wir dann, wenn wir es selber sind
die neu und anders geworden sind?
Ist es wirklich so schlimm
den Verstand zu verlieren? Vielleicht
wächst Dir ein neuer Kopf
mit einem neuen Verstand
wenn Du es zulässt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

NEUE WINDE, ALTE FAHNEN

Wir liegen wach seit einem Tag
und einer Nacht und halten Wacht
nach dem Orkan, der kam und kam
und kam noch nicht. Die alten Gefühle
sitzen noch fest in der Windstille
auf der Landschaft mitten im Gewühle
unserer äußerlich gemäßigten Gesellschaft.
Nur einer ist unruhig: der alte Wille
zur Erneuerung ohne Veränderung.
Doch wie kann unsere Gemeinsamkeit
neu werden, wenn die alten Sitten
und Ansichten noch mitten im Herzen
der Bevölkerung sturmreif und tief sitzen?
Auch neue Fahnen wehen im alten Winde
und in den neu kommenden die Alten.
Auf lebe neu der alte Widerstand.

Che Chidi Chukwumerije (10.02.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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NEU JA

Denn ich habe
Im Dunkel Licht gesucht
Und habe gefunden
Lichtsehnsucht

Denn ich habe
In der Weite Nähe erforscht
Doch je intimer sie wurde
Desto größer mein Durst

Denn ich hab’ begriffen
Das Alte ist hartnäckig
Wenn die Silvesterglocken verstummen
Wiederholt das alte Jahr sich

Es muß alles neu werden
Aber wie wird das erreicht
Wenn der Verursacher, Mensch,
Unverändert bleibt?

Es muß alles neu werden
Neu ja neu
Gottesname nicht mißbrauchend
Doch seinem Gesetz treu

Ja zur Empfindung
Und ihren leisen Hinweisen
Ja zu guten Absichten
Gültig auch ohne Beweise

Ja zu dem Mut
Den wilden Sprung zu wagen
Aus altem Trott und Schrott
Ins Neue Lebenstage.

– Che Chidi Chukwumerije.