FERNE SIRENEN

In der Dichtung wirkt Magie,
denn kindliche Poesie umgeht
die schwer analysierende Energie
kopfgenagelter Akademie,
die zersägt und verdreht.

Klug. Die Menschheit ist so klug.
Zu klug für Einfachheit.
Der Verstand ist sich selbst genug,
doch niemals genug für den Höhenflug
innig feinster Innerlichkeit.

Manchmal nach beendetem Gedicht
starre ich aus dem Fenster.
Heute sehe ich Toronto‘s Gesicht,
leise Hochhäuser im milden Sonnenlicht
und ferne Sirenen wie Gespenster.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HÖCHSTSPANNUNGSLEITER

Heute bist Du meine Muse
Die Ungereimtheiten in Dir
Die Uneinigkeit zwischen Deinem Kopf
und Deinem Herzen ist die schönste Spannung
die ich je gespürt habe –
sie ist eine Hochspannungsleiter,
durchströmt mich mit einem bebenden Warten
auf Entladung –
Danke für die Einladung.
Ladestation: Mensch. Sehnender Mensch.

Zu wissen, ich labe mich an Deiner Wunde
und das Laben reinigt die Wunde –
Herz und Kopf versöhnen sich…
Die Spannung läßt nach…
Die Wunde schließt sich.
Eine Weile muss nun ich entbehren, leiden –
Mein Durst wird wieder reif, dürstet…
Und wenn ich Dich dürstenden Auges anschaue
werden Dir Kopf und Herz wieder uneinig,
die spendende Spannung ist wieder da.

Hallo, Muse.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LOCKERE DICHTUNG

Dein innerer Fluss
Er muss er muss
fließen …

Meine Finger
in Deiner Wunde
richten Deinen Widerstand
zugrunde

Krass, wie nass das Gras wird
Der Regen, dagegen, wird verrückt
Kontrollverlust, befreit von Frust
Dichtung in jeder Richtung erlöst sich
Zum inneren Fluss, der fließen muss.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEIN ZUHAUSE

Ich stehe häufig unter einem Baume
In einem inneren Bilde
Vor meinem dritten Auge
Vor einer kleinen niedlichen Holzbrücke
Die über einem Bach gebogen liegt

Auf der anderen Seite des Bachs
Steht ein schönes Haus
Ich sehe es nicht, ich spüre es nur.
Da wohne ich –

Der Bach ist die Dichtung
Die Brücke ist meine Sehnsucht
Der Baum ist der Tag, der Augenblick

Und wenn ich die Brücke überquert habe
Und wenn ich das Gedicht geschrieben habe

Gehe ich nach Haus.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE DICHTUNG IST MEINE STIMME

Heute bin ich hart
Wie Stein –
Es geht nichts raus
Es kommt nichts rein
Heute bin ich hart
Wie Stein –

Ich brauche jemanden
Der mich trifft
Und mich bricht
Ich brauche jemanden
Der mich zerbricht –

Denn der harte Mensch
Der vor Schmerz schreien wird
Das bin ich nicht
Ich bin gefangen hier drinnen
Und habe meine Stimme verloren.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

STRASSENLATERNEN

Straßenmusiker und Straßendichter
Stadtgeschichten und Straßenlichter
Salz und Pfeffer und Stadtgesichter
Abwesend wenn anwesend
Anwesend wenn abwesend

Der Stadtkörper und der Stadtverstand auch
Laufen täglich herum mit vollem Bauch
Doch die Stadtseele hungert bis ein Hauch
Von Kunst und Mut und Kindlichkeit
Am Straßenrand sie sachte streift.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DIE GRENZE DER DICHTUNG

Einer muß das Verschlüßelte
Erst entschlüsseln (können) (wollen) (müssen)
Und darin liegt die Kunst.

Die Dichtung ist ein stilles Bild
Die in Richtung einer Realität zeigt
Die jenseits der Dichtung liegt.

Sich in die Dichtung zu verlieben
An der Dichtung zu hängen
Und bei der Dichtung stehen zu bleiben
Ohne in die darüber und dahinter
Lebende Realität hinein zu gehen,
Ein Teil dessen unvollkommen, unvollständig
Und meistens fehlerhaft VERDICHTET wurde
Als Dichtung ins Gedicht,
Wäre:

Der Dichtung ihren wahren Sinn und
Wahren Zweck zu berauben;
Wäre:

Ihr Dasein vergebens und umsonst zu machen
Fast wäre es besser, das Gedicht
Wurde nie geschrieben.

Die Dichtung fungiert und funktioniert
In ihrer höchsten Form
Am besten als Botschafter, als Zeigefinger
Um das Vorhandensein dessen zu bezeugen
Und darauf hinzuweisen:

Ein Ort und eine Zeit
Und eine Beschaffenheit und ein Sein
Wo das, was schwach in dem Gedicht
Zu ahnen ist,
Keine Dichtung ist
Sondern normale und echte
Realität.
Die Wirklichkeit.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung