JEMANDEN ZU VERSTEHEN

Es ist schwer
jemanden zu verstehen
der mit Worten schweigt
und mit Schweigen redet

Ich engagiere mich in der Politik
Auch wenn ich weiß, daß
die Politik die Menschheit nicht retten wird.

Ich zeige meinen Kindern den Weg
Auch wenn ich weiß, daß
sie ihren eigenen Weg gehen werden.

Ich arbeite für Geld,
auch wenn ich weiß, daß
Geld mich nicht glücklich machen kann.

Ich folge Regeln und Gesetzen,
auch wenn ich weiß, daß
sie dem Menschengeist nicht wirklich entsprechen.

Und wenn ich mit Dir schweige oder rede
und Du denkst, daß ich schweige oder rede
dann fühle ich mich noch einsamer als je zuvor
auch wenn ich weiter rede oder lächele oder schweige.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERINNERLICHEN

Ich könnte Dir alles sagen
Du würdest trotzdem nichts sehen
Wo meine Worte fallen im Garten der Ideen
Außer Fragen, die klagen im Magen

Deshalb sage ich nichts
Damit Du in meinem Schweigen mich hörst
Denn sollte ich sagen: Du störst
Störte ich Dein Verinnerlichen meines Gedichts.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MACHTLOSE GESPRÄCHE

Mein Schmerz wächst tiefer
als Du mit steten Handbewegungen
ihn lindern kannst. Er dringt einfach weiter
in die Tiefe hinein, und tut auch Dir
irgendwann dort weh.
Jetzt leiden wir beide an meinem Schmerz
Und alle unsere Gespräche brechen
das Schweigen zwischen uns nicht.
Nicht mehr.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SICH VERTRAUENSVOLL UNTERHALTEN

Jedes Herz braucht einfach jemanden
mit dem es reden kann. Mehr nicht.
Ein Herz, reif wie der Herbst, unverstanden,
wohnt im Erwachsenen und Kind, außer Sicht.

Außer sich vor Einsamkeit in sich.
Niemanden haben, mit dem es reden kann.
Der Winter naht, schweigsam, dürftig,
durstig nach der Zweisamkeit Gespann.

Denn jenseits der Gewalten
von Pflichten und Ideologien und Trieben:
Sich lieben ist sich vertrauensvoll unterhalten
und sich vertrauensvoll unterhalten ist sich lieben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE EMPFINDUNG SCHWEIGT NIE

Schweigen tötet
Es ist das unerträgliche Gewicht.
Brich Dein Schweigen
bevor Dich Dein Schweigen bricht.

Schweigen brechen tötet
Wer hat das noch nicht erfahren?
Wahre Dein Schweigen
und es wird Dich auch bewahren.

Und wenn Du unsicher bist,
hör auf Deine Empfindung.
Und wenn Du sicher bist,
hör auch auf Deine Empfindung.

Che Chidi Chukwumerije
 Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SMALL TALK

Wie angeordnet und vorgegeben
sinnlos los babbeln - alles klein reden.
Der Trick ist, nicht groß zu denken.
Hauptsache nicht durch Schweigen
die Aufmerksamkeit auf Deine wahren
Gedanken lenken.
Auf Deine großen Gedanken. Lenke lieber
mit Worten ab. Mit kleinen Worten
wie Luft verpackt in großen Geschenken.

Nicht der Dauerschwätzer stört heutzutage
sondern der Schweigsame.
Schweigen ist zu tief, zu schwer. Smalltalk
erleichtert uns doch das Gemeinsame.
Geht‘s Dir nicht gut? Fragen ihn alle, eine Plage.
Lasst mich!, schreit der Einfühlsame,
innerlich. Fragt sich, ich und der Kleinredner -
wer ist hier wirklich der Einsame?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MANCHMAL LIEBER SCHWEIGEN

Ein Wort zu viel
wiegt weniger schwer
als ein Wort verschwiegen
und kann es nicht ausgleichen.

Die Berge schweigen laut
und lauter als die Nacht
und lauter als die Toten
und lauter als die Einsamkeit.

Nur die Reue schweigt lauter,
wenn es schon zu spät ist.
Und alles Schweigen der Welt
kann das gesprochene Wort nicht korrigieren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHREIENDE GEDANKEN

Der Lärm der Gedanken ist lauter –
Warum schreien sie so laut?
Wissen sie nicht,
Gedanken gehen uns tief unter die Haut?

Denken sie, daß keiner sie hört?
Wer weniger laut schreien will,
muß endlich was sagen –
Laß es äußerlich raus, werde innerlich still.

Denn der Lärm der Gedanken ist lauter
als alles Gerede der Welt
Und am Lautesten wenn die Menschheit
In gehorsames Schweigen fällt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AM ENDE WAR DAS WORT

Es blutet als wäre ich gebissen worden
von meiner Zunge. Aber, … zu spät.
Die Worte sind schon Messer geworden.
Hilflos schaue ich zu, wie das Blut
scharf wird und außer Kontrolle gerät.
Ich lecke Wut. Es schmeckt nicht gut.
Zu schnell geantwortet.
Langsam, viel zu langsam verantwortet.
Am Ende war das Wort.
Das alles beendende Wort.

Che Chidi Chukwumerije (28.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung