DIE REISE IST EINE INNERE

Mitten auf der Reise
fühlten sie sich wie zwei Fremden
unerklärlicherweise gefangen
auf einem Boot weit weit draußen
auf einem ihnen unbekannten Meer –
auf einander angewiesen
dazu verdammt, dem anderen
dabei zu helfen, in die jeweils entgegengesetzte Richtung zu paddeln.
Gut, daß die Welt rund ist. So rund
wie ein offenes und lächelndes Gesicht –
egal in welcher Richtung sie lächelnd segeln
schaffen sie die Kurve und
jeder kommt bei sich zu Hause an.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DESORIENTIERUNG KURZ VOR SELBSTWERDUNG

Und dann verschwanden wir
In die Wolken
Cremig weiß, als hätte Zeus
Hera reichlich gemolken

Und lang sahen wir nichts
Alle Lichtgedanken
Waren wie verschwunden
Auf dem Weg zum Landen

Und immer noch die Wolken
Und immer noch blind
Einst war mir alles so klar
Wie einem Himmelskind

So geht es dem Suchenden
Kurz vorm Ziel
Just als er in Gefühle
Der Sicherheit verfiel

Es kommt immer eine letzte
Zu besiegende Schicht
Dann liegt plötzlich das Ende
In Sicht.

– Che Chidi Chukwumerije

DENN DU BIST NICHT ALLEIN AUF DEINER REISE

Weltenwanderer, Mensch
Getrieben durch sich selbst
Aus sich selbst heraus
Bis unter die Haut –

Ruhelos, ewiger Sucher
Seiner eigenen Seele treuester Besucher
Der Mensch bereist die Welt
Auf der Suche nach sich selbst

Das, was er am meisten braucht
Einen Begleiter, der mit ihm nach Vorne schaut
Der mit ihm die Reise teilt
Seine Sorgen kennt, seine Wunden heilt

Bis er irgendwann sein Ziel erreicht
Und Abschied nehmend wehmütig begreift
Die Reise selbst war ein Weilen
am magischen Ort,
Der nun scheidende Begleiter
ein Freund treuester Sorte.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung.