MACHTLOSE GESPRÄCHE

Mein Schmerz wächst tiefer
als Du mit steten Handbewegungen
ihn lindern kannst. Er dringt einfach weiter
in die Tiefe hinein, und tut auch Dir
irgendwann dort weh.
Jetzt leiden wir beide an meinem Schmerz
Und alle unsere Gespräche brechen
das Schweigen zwischen uns nicht.
Nicht mehr.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WEH TUN

Wenn Schmerz nicht mehr Weh tut,
wende Dich an Freude. Sie ist schlimmer
wenn sie vergeht.

Wenn der Hass nicht mehr Weh tut,
hab Acht vor der Liebe. Sie hinterlässt
Scherben überall wo sie hin geht.

Und ich? Und was ist mit mir?
Wenn Du mir nicht mehr weh tun kannst,
liebe ich Dich nicht mehr. Es ist zu spät.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MIT SCHMERZ LEBEN

Schmerz ist ein Muster,
das unsere Herzenswände schmückt;
das die grauen Nächte verschönert,
die unsere leeren Tage bestätigen wollen;
das das Leben versüßt,
welches droht, in seiner Öde
uns an unserem Sterbebett
mit einem bitteren Beigeschmack
enttäuscht zu verlassen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEINE LEBENSZEIT

Das Erdenleben,
egal wie lang, ist immer kurz.
Wohl dem,
der es zum Leben benutzt.

Du nennst einen Kriminell
doch sein Herz ist auf dem rechten Fleck -
Eine Prostituierte ist voller Güte
doch Du bezeichnest sie als Dreck.

Ein Drogenabhängiger sucht etwas -
Hast Du Dich schonmal gefragt, was?
Ein psychisch Verstörter fand etwas,
unklar, verstörend, durch Nebel und Glas.

Armut ist keine Charaktereigenschaft,
Du kannst dennoch wie ein Stern leuchten.
Flüchtlinge brauchen in unserem Land,
was wir in ihrem Land bräuchten.

Was empfindet der Obdachlose
am ersten Tag seiner Obdachlosigkeit?
Nicht viel trennt Menschen voneinander,
mittels der Mittellosigkeit.

Einsamkeit, Lügen und Gewalt
oder Mitgefühl, Mut und Freiheit -
Alle weinen im Geheimen. Leb auf, Kind:
Deine Lebenszeit, das ist Deine Zeit.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZERBRECHEN

Wenn alles am Zerbrechen ist
wie eine Wolke, die Du nicht fassen kannst,
nur zergehen lassen kannst –
Du spürst, Du empfindest, Du ahnst.
Ahnen ist alles, was Du fassen kannst.

Ob Du Dich fallen lassen kannst?
Die neuen Generationen sind geboren
und genau so verloren –
Hauptsache sie lügen mit anderen Worten.
Du spürst etwas, was Du nicht fassen kannst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUSDRUCK

Als ich tot war
und nichts spürte, außer Schmerz,
dachte ich, ich wusste, was Schmerz ist

Als ich, noch tot, anfing
mich nach dem Leben neu zu sehnen
lernte ich, daß der Schmerz des Todes nichts
im Vergleich zum Schmerz der Sehnsucht ist

Dann erwachte ich wieder zum Leben
und verstand, daß weder der Tod
noch die Sehnsucht mehr schmerzt,
als das Leben selbst. Es schmerzt so sehr,
es bringt Deine Freude zum Aus-Druck.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DA, WO DAS LACHEN BEGINNT UND STIRBT

Ich habe schon viele Menschen getötet.
Nicht körperlich.
Da, wo es weh tut, wo es wütet,
Wo die Wunde still ist und unerreichbar,
Do, wo der Schmerz unüberwindbar ist
oder zu sein scheint.
Seelisch.

Ich habe schon viele Menschen wiederbelebt.
Nicht physisch.
Da, wo das Leben beginnt, innerlich,
Beginnt als Selbstvertrauen, als Lust,
als Sehnsucht, Freude, Hoffnung, als Drang.
Geistig.

Mögen meine guten Taten meine bösen ausgleichen.

Ich wurde schon von vielen Menschen getötet
Ich wurde schon von vielen Menschen wiederbelebt
Nicht irdisch
Da, wo Menschen sich treffen,
wenn Menschen sich treffen,
im tiefsten Inneren.
Und äußerlich hat keiner was gemerkt.
Außer am Lachen und an seinem Fehlen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UMGANG MIT DISTANZ

Ich bin nicht gut mit Abschieden.
Allzu häufig waren sie mit keinem Wiedersehen mehr verbunden.
Vorsätze, die sich nicht reimen.

Sag mir nicht Auf Wiedersehen.
Sag Gute Fahrt, Lebe wohl,
Oder sage gar nichts –
Ein schweigender Blick ist das stärkste Symbol.

Behalte mich in Deinem Herzen
Und ich werde da sein,
Klar sein, nah sein,
Wie Runen gemeißelt in Stein.

Ich brauche diese philosophischen Worte,
Um der Trennung zu widerstehen
Und vorzugeben, ich zähle nicht die Tage,
Bis wir uns wieder sehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEBEN EINANDER (2)

Zwei einsame Menschen
nebeneinander.
Sind sie ob der geteilten Einsamkeit
einsamer?
Sind sie ob der geteilten Zweisamkeit
einfühlsamer?
Sind sie ob der trennenden Alleinsamkeit
empfindsamer?
Zwei einsame Menschen
füreinander gegeneinander
geben einander gegenseitig
alles – und nichts.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung