Der Schnee kam zu Besuch Ummantelt von einem weichen Tuch weißhaarig beim Tagesanbruch ohne Geräusch und ohne Geruch liegt die Erde da wie ein Buch daß ich lesend durchfahre im Zug und kriege von ihm nicht genug. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
Schnee
WINTERWACHSTUM
Die Nacht ist still Der Schnee hat viel zu sagen Stattdessen hat er viel verschwiegen Der Mensch kann viel ertragen Ohne zu brechen oder sich zu verbiegen Wenn er wachsen will. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
WIE EIN GAST LIEGT DER SCHNEE
Wie ein Gast liegt der Schnee, Zu Besuch, im Wohnraum der Stadt ausgebreitet, Fremd und doch Zuhause, und unbegleitet, Wie ein Familienmitglied vom Übersee. Er hat nicht viel zu sagen, genau wie ich, Schweigen ist unsere Sprache des Suchens nach Antwort, Ruhe und Ursache, In diesen Winternächten und -Tagen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WENN SCHNEE EINEN FLUSS BERÜHRT

Wenn Schnee einen Fluss berührt Wie Gedanken zurückgeführt Zum Ausgangsort und -zustand Durch der Natur unsichtbarer Hand, Denke ich darüber nach: Ob Meer oder See oder Bach, Ort des Geschehens bleibt gleich, Weiher, Fluss, Ozean oder Teich, Eisig und hart, flüssig, durchlässig, weich, Es ist alles das magische Wasserreich, Wo alles stets in Bewegung bleibt, Mit und gegen alles fließt und sich reibt, Ständig ankommt, ständig weitertreibt - Ne, Ort des Geschehens bleibt nimmer gleich. Kein Gedanke kehrt unverändert zurück Zum unveränderten Entstehungsheim. Schlimmer oder besser geworden ein Stück Findet sich alles wieder zusammen im Schlussreim. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
KEINEN DEZEMBER VERSCHWENDEN
Es wird zunehmend sein Ein karges Dezemberlein Wenig Geld in der Tasche Schnee wie Asche zu Asche Perfekte Bedingungen Für versteckte Empfindungen Über defekte Verbindungen. Wer das ganze Jahr lang Einem lang ausgezogenen Schwanengesang Im Herzen tanzte Sich darin verschanzte Der sollte den Dezember nicht verschwenden Darf jetzt im alten Selbst still verenden Im Neuen aufstehend die Seite bitte wenden. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ZÖGERND
Eher zögernd kam
Wieder
Der Frankfurter Schnee
Über
Stadt, Land, Fluss
und Liebe
Zuckte kurz, nicht mal heftig
Einmal, zweimal, scheu, bedächtig
Auch eine zarte Liebesbekenntnis
verschwindet niemals aus dem Gedächtnis.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
HESSISCHE WÄLDER
Was willst Du mir sagen
Hessische Nacht?
Der Wald ist zu alt für mich
Ich verstehe ihn nicht
wenn er flüstert, wenn er träumt,
wenn er schweigt oder lacht.
Der Neuschnee ist uralt.
Meiner tiefen Empfindung Gewicht
beschäftigt lehrend mich –
Ich habe es nicht ausgedacht:
Ein fremder Geist spricht durch mich
in meinem jeden Gedicht.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SCHNEEREGEN
Wenn du nur die Nacht wärest
Würde ich dich lieben
Wenn du nur der Tag wärest
Würde ich dich nehmen
Wenn du nur der Winter wärest
Würde ich dich mit Träumen schmücken
Mit Dir kuscheln
Aus dem dunklen Fenster mit Dir gucken
Während es draußen schneeregnet.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ER MACHT, WAS ER WILL
Ich spüre Dich wieder nahe, nicht als Körper. Du ahnst es: als Geist. Denn immer wenn Du nah warst, wurde ich von der Dichtung gestreift. Heute hast Du mich bombardiert, angesteckt und ohne Impfung geheilt, in die Flucht getrieben, dann als Scherz hast Du mich auch noch zugeschneit. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KÄLTE UND WÄRME
Es naht sich wieder die Jahreszeit,
in der sich die Wärme zurück zieht
tief ins Herz von Mensch und Natur.
Jeder Obdachlose, den man sieht
zitternd da draussen, ist ein Mensch
der in Schwierigkeiten geriet.
Es naht sich wieder die Jahreszeit,
in der der Mensch die Wärme bezieht
einzig und allein aus der Menschlichkeit.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
