KÄLTE UND WÄRME

Es naht sich wieder die Jahreszeit,
in der sich die Wärme zurück zieht
tief ins Herz von Mensch und Natur.

Jeder Obdachlose, den man sieht
zitternd da draussen, ist ein Mensch
der in Schwierigkeiten geriet.

Es naht sich wieder die Jahreszeit,
in der der Mensch die Wärme bezieht
einzig und allein aus der Menschlichkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER APRILBERG

Der Schnee ist den Gipfeln gewichen
Er ist geschmolzen
und mit einem leisen Seufzer
nach Hause gegangen.

Hier und da wie auf einer Leinwand
behält der überraschte Berg
eine zarte Erinnerung an seinen Gast
langsam verblassend

Und der blaue Himmel hoch da oben
der schiebt die Wolken auseinander
blickt mit Verlangen auf den Berg
und vermisst den Schnee.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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PAUSEN ZWISCHEN DEN WINTERN

Wie zerbrechlich die Schneeflocke
doch fragiler der Mensch.
Jedes Jahr erscheint die Schneeflocke
wieder; eines Tages ertönt dem Menschen
zum allerletzten Mal der Zeit Glocke.

Der Winter wird wieder kommen, oh Mensch;
dein Zeitalter ist kurz. Genieß es. Frohlocke.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

BESUCHER

Ich war ein Sucher in der Natur
und ich fühlte mich fremd, als
der Schnee kam. Aus dem Dunkel,
aus dem Nichts. Lagerte sich um mich
wie ein Belagerer einen Feind, und
starrte mich ernst und wortlos an.
Mein Herz klopfte, ich wartete ab und
ließ mich prüfen. Dann umarmte mich
der leise Schnee und geleitete mich
aus dem Wald wie ein treuer Begleiter.
Manchmal sind wir Zuhause in
der Natur, doch manchmal sind wir
nur Besucher in einer fremden Welt.

– Che Chidi Chukwumerije
29.01.2020 (18:53h)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ZWEITER SCHNEEVERSUCH

Ein bißchen Schnee
Wie aus Versehen ausgerutscht
Von himmlischer Hand
Und den langen luftigen Weg bis zur Erde
Herunter geirrt, schwebend
Winzige einzelne Schneeflösklein
In der Luft jedes für sich allein
Den eigenen Weg suchend, bahnend
Bis sie alle die Erde berühren
Und dort einander wiedertreffen
Zum ersten Mal
Seit dem sie ihre Heimat verließen
Und zum letzten Mal bevor sie verschmelzen…

Ein schöner leiser Vormittag
Besänftigt und geweicht vom
Zweiten Schneeversuch des Jahres Ende
Eingeweiht mit Weihrauchkörnchen
Die das Bild der vorbeifließenden Autos verlangsamen
Und deren Murmeln nach und nach dämpfen
Still muß es langsam werden
Denn die Heilige Nacht kehrt bald zurück.

In der Stadt und auf dem Lande
Im Berge und Dorf, im Büro und Zuhause
Im Auto und Zug und Flugzeug
Und im einsamen Boot bei der letzten Segelfahrt
In mir und in Dir
Im Wald und drüben im Park
Überall, wo es Mensch und Tier gibt
Heben alle die Augen kurz hoch
Und reden lautlos mit dem zweiten Schnee –
Ob er liegen bleiben wird,
Im Gegensatz zum Ersten, Vergessenen, Verschwundenen
Von Vorvorgestern…

Still sollte es ja langsam werden
Denn die Heilige Nacht ist bald mit uns.

– Che Chidi Chukwumerije

MÄRZ

Der Wald ist wild mit nackten Bäumen,
Finger, Hände tausendmal
Der Schnee ist weg, ein Raum voller Träumen
Macht seinen weg zurück ins Tal.
Et al, et al.

Zwischen Raum und Raum liegt kurze Zeit
Liegt Bitterkeit, liegt Tapferkeit
Und starkes Öffnen, und Mühe
Und Ruhe – – – und nun, blühe…

– Che Chidi Chukwumerije.

WENDE

Der Wind weht wieder
Der sich so lange gelegt
Eine Feder fühlt sich neu bewegt
Ein Blatt, ein Herz voller Lieder

Unruhig und kurz war der Winterschlaf
Kein Schnee, kein Schweigen
Sehr wach, sehr eigen
Ein Schiff halb geankert am Haf’

Nur diese eine Nacht
Letztes Wochenende
Ein paar Schneeflocken haben gebracht
Die ganze Weltenwende.

– Che Chidi Chukwumerije.