EIN STINK NORMALER ABEND

Kinderstimmen wie Straßenschilder
Ihr Lachen wie Laternen in der Nacht
Ihre Augen spiegeln vergessene Bilder
aus meiner Vergangenheit aufgewacht

Auch ich habe einst so glücklich gespielt
mit einem Bruder – der lebt nicht mehr.
Im Wirbelsturm der Erinnerung aufgewühlt
wird mir das Schwere leicht und das Leichte schwer.

Der heutige Abend ist so stink normal
Ihr werdet ihn wahrscheinlich vergessen –
Und doch ist Normal dafür ideal,
zu bleiben für immer unvergessen.

Ein Wort wird reichen, oder ein Lied
Ein Lachen, ein Geruch, der Euch mit uns verband –
Nach dem Euer Elternpaar lang verschied
und dieser Alltag für immer verschwand.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HERZSCHLAG

Ich stand in dieser großen Halle
teils Tempel, teils Saal und teils Höhle
wie eine riesengroße Glocke
doch es war meine leere Seele.

Und mein Herz und meine Hände
schlugen hart gegen die Innenwände –
Schaukle zart, liebliche Glocke
über Geist und Wesen, über Täler und Berge.

Auf daß die Seele sich füllen möge.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SCHULDEMPFINDEN

Er ging täglich die Treppe auf und ab
Ein Nachbar sagte, er käme aus dem Grab
Weil er jemandem noch nicht vergab

Ach Quatsch!, er ist aus Fleisch und Blut
Sagte ich überzeugt, es geht ihm gut
Er ist nur Einzelgänger, doch ohne Wut

Ein paar Tage später im Treppenflur
Grüßten wir uns wie immer durch Nicken nur
Von Geisterhaftem an ihm keine Spur

Ich lächelte und gab ihm meine Hand
Er gab mir auch seine, doch es fand
Kein Kontakt statt. Ich traf die Wand!

„Also bist Du doch ein toter Geist!“
„Geist bin ich gewiß, wie Du es heißt,
doch sehr lebendig – wie Dein Auge beweist!

Und Geist bist Du auch, nur hast Du noch
die irdische Hülle, ich nicht, und doch
ringen wir beide unterm selben Joch!“

„Warum kommst immer zu diesen Treppen?“
„Ich möchte den treffen und mich entschuldigen,
den ich mal ermordete auf diesen Treppen.“

Che Chidi Chukwumerije (17.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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SCHMERZ ALS MITTEL

Als wir von der Höhe fielen
Nahmen wir alles mit, was wir einst waren
Und einst hätten werden können
Um in uns der Entwicklung zu harren

Nahmen mit ungeborene Lieder
Ungebaute Häuser, ungeahnte Ideen
Unüberwundenen Schmerz versunken
In unseren Seelen wie in inneren Seen

Dennoch schliefen unsere Geister.
Denn Geist ist formgewordene Sehnsucht
Und ohne Sehnsucht nach Leben
Schläft Geist weiter, trägt keine Frucht.

Ungeborene Lieder, ungebaute Häuser
Ungeahnte Ideen zieren seinen Umweg
Unüberwundener Schmerz, des Lebens Mittel
Ihn zu wecken zu seinem Daseinszweck.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HALLO

Hallo ist nicht immer Hallo
Ich muß genauer hinhören
Er sagte nie und niemals Hallo
Könnte ich fast schwören

Hallo hört sich anders an
Egal in welcher Sprache
Hallo fühlt sich anders an
Auch wenn ich nicht lache –

Ein sanfter Nachtregen
Unerwarteter Gottessegen
Schilder auf unbekannten Wegen…
Das ist Hallo – so kommt es an

Unsichtbare Naturwesen
Ein verbindendes Buch lesen
Veranlassen, daß unsere Seelen genesen…
Das ist Hallo – so fühlt es sich an.

Besser ehrlich schweigen
Als mit Hallo lügen
Ohne Herz und ohne Augen
Sich gegenseitig betrügen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

STRASSENLATERNEN

Straßenmusiker und Straßendichter
Stadtgeschichten und Straßenlichter
Salz und Pfeffer und Stadtgesichter
Abwesend wenn anwesend
Anwesend wenn abwesend

Der Stadtkörper und der Stadtverstand auch
Laufen täglich herum mit vollem Bauch
Doch die Stadtseele hungert bis ein Hauch
Von Kunst und Mut und Kindlichkeit
Am Straßenrand sie sachte streift.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung