HERZSCHLAG

Ich stand in dieser großen Halle
teils Tempel, teils Saal und teils Höhle
wie eine riesengroße Glocke
doch es war meine leere Seele.

Und mein Herz und meine Hände
schlugen hart gegen die Innenwände –
Schaukle zart, liebliche Glocke
über Geist und Wesen, über Täler und Berge.

Auf daß die Seele sich füllen möge.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE SEELE ALS GEDICHT

Und auch das Leben hat
aus uns Dichtung gemacht
aus jedem von uns ein Gedicht
in sich verdichtet
nach Innen gerichtet
dazu verpflichtet
in der Unsichtbarkeit
in der Unerreichbarkeit
der Menschheit zu dienen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SCHULDEMPFINDEN

Er ging täglich die Treppe auf und ab
Ein Nachbar sagte, er käme aus dem Grab
Weil er jemandem noch nicht vergab

Ach Quatsch!, er ist aus Fleisch und Blut
Sagte ich überzeugt, es geht ihm gut
Er ist nur Einzelgänger, doch ohne Wut

Ein paar Tage später im Treppenflur
Grüßten wir uns wie immer durch Nicken nur
Von Geisterhaftem an ihm keine Spur

Ich lächelte und gab ihm meine Hand
Er gab mir auch seine, doch es fand
Kein Kontakt statt. Ich traf die Wand!

„Also bist Du doch ein toter Geist!“
„Geist bin ich gewiß, wie Du es heißt,
doch sehr lebendig – wie Dein Auge beweist!

Und Geist bist Du auch, nur hast Du noch
die irdische Hülle, ich nicht, und doch
ringen wir beide unterm selben Joch!“

„Warum kommst immer zu diesen Treppen?“
„Ich möchte den treffen und mich entschuldigen,
den ich mal ermordete auf diesen Treppen.“

Che Chidi Chukwumerije (17.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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SCHMERZ ALS MITTEL

Als wir von der Höhe fielen
Nahmen wir alles mit, was wir einst waren
Und einst hätten werden können
Um in uns der Entwicklung zu harren

Nahmen mit ungeborene Lieder
Ungebaute Häuser, ungeahnte Ideen
Unüberwundenen Schmerz versunken
In unseren Seelen wie in inneren Seen

Dennoch schliefen unsere Geister.
Denn Geist ist formgewordene Sehnsucht
Und ohne Sehnsucht nach Leben
Schläft Geist weiter, trägt keine Frucht.

Ungeborene Lieder, ungebaute Häuser
Ungeahnte Ideen zieren seinen Umweg
Unüberwundener Schmerz, des Lebens Mittel
Ihn zu wecken zu seinem Daseinszweck.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

HALLO

Hallo ist nicht immer Hallo
Ich muß genauer hinhören
Er sagte nie und niemals Hallo
Könnte ich fast schwören

Hallo hört sich anders an
Egal in welcher Sprache
Hallo fühlt sich anders an
Auch wenn ich nicht lache –

Ein sanfter Nachtregen
Unerwarteter Gottessegen
Schilder auf unbekannten Wegen…
Das ist Hallo – so kommt es an

Unsichtbare Naturwesen
Ein verbindendes Buch lesen
Veranlassen, daß unsere Seelen genesen…
Das ist Hallo – so fühlt es sich an.

Besser ehrlich schweigen
Als mit Hallo lügen
Ohne Herz und ohne Augen
Sich gegenseitig betrügen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

STRASSENLATERNEN

Straßenmusiker und Straßendichter
Stadtgeschichten und Straßenlichter
Salz und Pfeffer und Stadtgesichter
Abwesend wenn anwesend
Anwesend wenn abwesend

Der Stadtkörper und der Stadtverstand auch
Laufen täglich herum mit vollem Bauch
Doch die Stadtseele hungert bis ein Hauch
Von Kunst und Mut und Kindlichkeit
Am Straßenrand sie sachte streift.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

KEINE NATUR KEINE SEELE

Bäume
Träume der Erde
Atembeschwerden. Atemnot
Der Baum ist ein Griot
Sein Stamm älter wie Deiner und meiner

Verwelkte Blätter
Allwetter, reifen. Begreifen
Würgegriff. Luft! Luft!
Sich krümmend vor Schmerz. Abschied
Ertrunken. Müll. Wüste. Und wir wussten es.

Jetzt erheben Kinder den Schrei
Fahrt linder mit Mutter Erde!
Futter für Wind oder Kampfgeist?
Wer der Natur fühlbar Achtung zollt
Säubert seine eigene Seele unsichtbar.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SIEBZEHN

Ich war sehnsuchtsvoll 17 als nun
Tracy Chapman‘s Crossroads Album
Auf die Welt kam
Und in meiner Platz nahm
Ein Teil von mir wurde
Freund, Bruder, Seelsorger, Muse
Manche sind durch Vampire und Werwölfe
Geprägt, ich durch Tracy‘s Crossroadswörter
Durch sie bin ich siebzehn für immer
Vor mir der Zukunft Schimmer
Irgendwann werde ich erwachsen werden
Aber nicht mehr auf dieser Erden.

– Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DEKO

Der Fluß
Der anspruchsvolle Baum
Erinnerung oder Ahnung
Gefangen im Büro, ein Aussteiger
Das Fenster. Autos wie Ameisen
Hinter einander vorbei kriechend
Wo ist der Schmetterling?
1000 Emails, Inhalt ohne Inhalt, die innere Stimme schweigt
Corporate-Tier, Meister des Dschungels
Des Sich Verstellens
Nimm hin Deinen Lohn
Im Club heute Nacht,1000 Watt Dunkel, im Bett
Wird gelacht und geweint und ein Stück tiefer
Und oberflächlicher geworden
Wo ist der Schmetterling?

Ich mag es
Wenn Du mich in Deine Arme nimmst
Und mir alles gibst – ich taue auf
Ein weiches Buch, Du liest in meiner Seele
Meine inhaltsreichen Empfindungen
Dort, tief in meiner Seele
Blüht ein Garten… Licht grün bunt
Lächelnd spielend ein Schmetterling
War das ein Traum?
Heute gestalte ich mein Büro um
Neben dem Monitor, ganz klein, für Euch nur Deko
Ein Schmetterling
Mir Verankerungspunkt äußerlich
Meines Innengartens. Besinne Dich
Deines Schmetterlings –

– Che Chidi Chukwumerije.

SEELENVERWANDT

Die Seele eines Fremden
Klopfte an meine Tür einmal in der Nacht
Statt mich erschrocken oder träge abzuwenden
Bin ich erwacht, hab aufgemacht und mir dabei nichts gedacht
Meine Lebensblätter aber würde sie wenden
Denn viele neue Gedanken hat sie mitgebracht

Jetzt ist sie fort, aber fremd nicht mehr
Denn alles, was sie hinterließ, es lebt noch alles hier.

– Che Chidi Chukwumerije.